Digitalexperten der PRO RETINA stellen ihre Hilfsmittel vor | Forumsbeitrag SightCity 2026 Forumsbeitrag | SightCity 2026 Referenten: Markus Bernrieder und Steffen Beck, PRO RETINA Deutschland e. V. Datum: 27. Mai 2026 Vortrag-ID: F031008 Weitere Informationen: https://sightcity.net/F031008 ────────────────────────────────────────── ── Die Digitalexperten der PRO RETINA ── Markus Bernrieder: Hallo in die Runde, wir freuen uns, dass wir hier sein dürfen. Mein Name ist Markus Bernrieder, und der Kollege Steffen Beck ist mit dabei, der dann den zweiten Teil von unserem kleinen Vortrag gestalten wird. Das Thema ist: Die Digitalexperten der PRO RETINA stellen ihre Hilfsmittel vor. Die Digitalexperten sind in der PRO RETINA in der Regel auch Hilfsmittelberater, aber in den letzten Jahren hat sich das digitale Thema sehr stark nach vorne gedrängt, und so hatten wir da auch einiges an Ausbildung. Die Leute, die sich besonders dafür interessieren, beraten eben auch im Bereich Digitales. ── Das iPhone als Schweizer Taschenmesser ── Es ist die Frage: Die Experten stellen ihre Hilfsmittel vor – das wäre bei mir sehr schnell abgehandelt. Da würde ich sagen: Das ist mein iPhone. Und das erledigt sozusagen 95 Prozent meiner digitalen Aufgaben. Ich bin zum Glück nicht mehr berufstätig, muss also nicht zwingend mit dem PC arbeiten, und habe alles auf mein iPhone ausgelagert, was ich so tagtäglich zu tun habe. Das heißt: meine Bankgeschäfte, meinen E-Mail-Verkehr, auch die Briefe, die ich noch zu schreiben habe, meine üblichen Verbindungen rauszusuchen, Zugtickets zu buchen, mir Briefe oder andere Schriftstücke vorlesen zu lassen. All dieses ist mittlerweile ganz problemlos mit so einem Smartphone möglich. Vor allem ist es sehr gut möglich, wenn man sich die Mühe macht, sich den Screenreader anzueignen – beim iPhone wäre es jetzt VoiceOver, bei den Android-Geräten TalkBack. Wenn man sich diese Funktion aneignet, hat man noch viel bessere Möglichkeiten, das Gerät in der Tiefe zu bedienen, als nur die Assistenten zu benutzen. Die Assistenten – ja, ich denke, weithin bekannt: die Siri, das sind die Sprachassistenten. Das eine oder andere können die ganz gut erledigen, aber oftmals rauft man sich die Haare und denkt: Gott bewahre, was erzählst du mir, was machst du? Also wenn man sein Gerät sicher und vor allem ohne Fehler bedienen möchte, ohne aus Versehen irgendwo falsch zu tippen, dann sollte man sich so einen Screenreader aneignen. Ich selber habe noch einen Sehrest zur Verfügung, zum Glück, und somit habe ich mich auch ein bisschen auf die Personen fokussiert, denen es auch so geht – also die nicht vollständig blind sind, sondern ihre Geräte auch noch mit Sehrest, sprich optisch, benutzen. Auch in dem Bereich gibt es nämlich jede Menge Hilfsmittel: Es gibt eingebaute Lupen-Apps, es gibt Vorlese-Apps, die funktionieren, ohne einen Screenreader zu benutzen, man kann sich den Bildschirm vergrößern. Und ich denke, das allereinfachste Hilfsmittel, das die meisten sicherlich tagtäglich benutzen, ist: Ich mache einfach ein Foto, dann schaue ich mir das Foto an und ziehe es mir groß – und dann schon kann ich meine Speisekarte oder meinen Zugfahrplan oder dergleichen ablesen. Dadurch, dass ich noch den Sehrest habe, habe ich zusätzlich noch ein Tablet im Betrieb, das aber tatsächlich für mich nur noch dazu dient, meine Fotos zu vergrößern, auszusortieren, zu schauen, wie die Gesichtsausdrücke sind. Dort kann ich es auf einer größeren Fläche riesig machen. Ansonsten funktioniert bei mir eigentlich alles, was ich brauche, auf dem iPhone – ja, wie der Dario schon immer gesagt hat: das Schweizer Taschenmesser unter den Hilfsmitteln. ── Foxy Vision: Alternative für Smartphone-Skeptiker ── Jetzt gibt es aber viele Leute, die sagen: Okay, das ist mir alles zu umständlich, das ist so viel zu lernen, die vielen Gesten, die man da können muss – und ich will doch eigentlich nur meine Zeitschriftenartikel lesen, meine Produkte im Kühlschrank anschauen, was ist das, Notizen machen oder eben schnell eine Lupe verwenden. Und da gibt es jetzt seit ein paar Jahren auch ein ganz tolles Hilfsmittel, von dem ich sehr begeistert bin und das ich immer in dem Fall empfehle, wenn jemand sagt: Ich möchte mich nicht mehr mit so einem modernen Smartphone befassen und mir das alles aneignen. Dieses Gerät ist im Prinzip auch auf Smartphone-Basis, hat aber am unteren Bildschirmende einfach nur drei große Tasten – die sind gummiert, die kann man fühlen –, und der restliche Bildschirm ist unempfindlich. Das heißt, ich kann mit diesen Tasten vorwärts, rückwärts oder Enter, also Okay, drücken und kann so alle Funktionen, die das Gerät bietet, benutzen. Also auch für Leute, die sagen, sie möchten nicht so ein Smartphone erlernen, gibt es mittlerweile tolle Lösungen – und auch hier sind schon KI-Funktionen mit an Bord, so dass man wirklich auch da die neueste Technologie sehr gut nutzen kann. ── Die wichtigsten Apps im Überblick ── Ich habe hier meinen Ausschnitt gezeigt, meine wichtigsten Apps, die ich verwende, und ich gehe einfach mal durch, damit Sie so einen Einblick haben. Das Gerät allein ist natürlich schön, und iPhones können auch schon viel, was direkt an Bord dabei ist – aber die wahren Helfer sind auch die Apps, die man sich dann drauflädt. Ich denke, auf jedes Smartphone sollte die App **Seeing AI** von Microsoft installiert sein. Das ist wirklich so eine App, die, sage ich mal, alles kann: Die kann vorlesen, die kann Bilder beschreiben, die kann Produkte erkennen, Geldscheine erkennen und so weiter – also eine eierlegende Wollmilchsau. Das Nächste ist die **Be My Eyes**-App, finde ich eine ganz wunderbare Geschichte. Zum einen kann man sich über diese App sehende Hilfe dazuholen, die dann über die Smartphone-Kamera blicken und uns Anweisungen geben kann, was zu tun ist – eine Displayablesung, oder wenn man sich verlaufen hat, oder wie auch immer. Mit an Bord ist aber seit einigen Jahren auch die Funktion **Be My AI**, und da geht es um eine KI-Bilderkennung, die, wie ich finde, immer noch sehr, sehr leistungsfähig ist und mit der ich jederzeit ein Foto machen und mir dann ganz ausführlich beschreiben lassen kann, was alles auf diesem Foto zu sehen ist. Und man muss ganz ehrlich sagen: Ich habe selten einen Sehenden getroffen, der es mir besser hätte erklären können, als diese KI das dann berichtet. Das Nächste in der Reihe heißt **PiccyBot**. Die macht im Prinzip nichts anderes – die beschreibt allerdings auch Videos sehr schön. Also wenn man kurze Videos hat, vielfach wird uns das ja über WhatsApp und dergleichen zugeschickt, und wir können dann oft gar nichts damit anfangen – diese App kann dann erklären, was in dem Video passiert. Dann habe ich die App **Orion** noch auf meiner ersten Seite. Die ist sehr hilfreich, wenn es darum geht, Gegenstände wiederzufinden oder auch meinen Weg zu finden. Und am Ende von meinem Vortrag komme ich da auch noch mal darauf zurück – die ist nämlich auch sehr hilfreich, was diese KI-Brillen betrifft. Das Gerät, das ich vorhin beschrieben habe, heißt Foxy Vision und ist hier auch in der Halle vertreten. Ach so: Wenn Sie noch Fragen haben – wir sind an unserem Stand von der PRO RETINA hier in der ersten Etage, direkt gegenüber den Rolltreppen, N 05, sagt der Steffen gerade. Wir beide sind dort vor Ort und ansprechbar, wenn Sie noch Fragen zu den einzelnen Themen haben. Wir haben jetzt leider ein bisschen Zeitdruck, deswegen versuchen wir möglichst durchzukommen – aber wie gesagt, wir sind im Anschluss an unserem Stand für Sie ansprechbar. **ScribeMe** ist hier in der Mitte, das ist eine App, die sehr gut PDFs auslesen kann, und zwar inklusive der Bilder. Also angenommen, ich habe eine Betriebsanleitung von meinem Backofen, dann würde er auch die Skizzen, die da oftmals von den Displays drin sind, mit erzählen. Die nächste, **Live Read**, eine ganz kleine App, die nichts anderes macht, als vorzulesen, was vor die Kamera kommt. Und ich bin großer Fan von Apps, die nur eine Sache können, die aber richtig gut. Dann habe ich noch den **Voice Dream Scanner** – einfach ein Scanner, der gerade für Sehrestler sehr interessant ist, weil ich auch das Original noch sehen kann, obwohl mir dann der Text vorgelesen wird. Am Schluss noch **NaviLens**, da kann man beschriften, damit gehe ich jetzt nicht tiefer darauf ein. Und natürlich die SightCity-Messe-App, die muss hier natürlich dabei sein, ganz klar. ── KI-Brillen: die Hände frei haben ── Jetzt haben wir schon gehört, dass viele Apps auf künstliche Intelligenz zurückgreifen, um Bilder zu beschreiben. Das funktioniert auch schon seit ein paar Jahren sehr, sehr gut, ist mittlerweile wirklich richtig gut ausgereift. Und das Nächste, was jetzt kommt oder was stark im Kommen ist, sind diese KI-Brillen – also Brillen mit einer Kamera an Bord, die uns dann mittels künstlicher Intelligenz erzählen können, was sie sehen. Und der Unterschied: Keine von diesen Brillen kann mehr als ein Handy, im Gegenteil, die Smartphones können in der Regel deutlich mehr. Aber der Riesenunterschied ist: Wir haben die Hände frei. Wenn wir so eine Brille auf der Nase haben, dann haben wir die Hände frei, um andere Dinge zu tun. Auch die App Be My Eyes ist zum Beispiel verknüpft, und gerade da kann es hilfreich sein, wenn ich meinem sehenden Helfer mit freien Händen zeigen oder sagen kann, was ich tun möchte. Aktuell ist da noch eine Firma Vorreiter, sage ich mal: Das ist die Firma Meta mit den Brillenherstellern Ray-Ban und Oakley. Da gibt es verschiedene Modelle, auch mit verschiedenen Leistungsfähigkeiten. Aber der Herbst soll auch weitere KI-Brillen bringen. Wenn sich jemand das überlegt: Ich denke, man macht momentan nichts falsch, sich so ein Gerät zuzulegen, die Leistungsfähigkeit ist gut. Aber wenn jemand sagt, ich will mal sehen, was da noch so kommt – also Google und Apple stehen da in den Startlöchern, und wir sind eigentlich hochgespannt, was daraus wird, wie gut das funktionieren wird, vor allem wie gut die Leistung für uns als Blinde und Sehbehinderte sein wird. Das ist eine Besonderheit, was mir auch besonders gut gefällt: Diese Brillen sind nicht als Hilfsmittel gedacht und konstruiert, sondern die sind gebaut für Leute, die YouTube-Videos machen, die Instagram posten – für diesen Personenkreis wurden die entwickelt. Es gibt sie tatsächlich auch schon relativ lang; jetzt ist seit eineinhalb, zwei Jahren in den USA diese KI draufgekommen und seit letztem Jahr auch bei uns in Deutschland. Ich hatte letztes Jahr hier auf der Messe schon so ein Modell auf der Nase, da war es noch sehr rudimentär, man musste alles in Englisch machen, und es hat mal funktioniert und mal nicht. Mittlerweile funktioniert es wirklich ganz toll: Also man kann sich sagen lassen oder ich kann fragen: Was habe ich in der Hand? Lies mir das vor, lies mir das Schild vor, was steht auf der Speisekarte, was steht auf dem Wegweiser – das funktioniert alles sehr gut. Aber wie gesagt, noch statisch: Es wird ein Foto gemacht, dann wird das Foto analysiert, und mir wird erzählt, was dort zu sehen ist. ── Vom Einzelbild zum Videostream ── Der nächste große Schritt ist gerade erst passiert – und zwar kommt hier die App Orion wieder ins Spiel. Die sind tatsächlich die Ersten, die das geschafft haben, als Drittanbieter-App auf die Brille zu kommen. Mit dieser Orion-App auf der Meta-Brille habe ich jetzt erstmals die Möglichkeit, wirklich einen Videostream beschrieben zu bekommen. Ich kann einen Auftrag vergeben und sagen: Achte darauf, ob der Weg vor mir frei ist. Und dann kriege ich immer wieder erzählt: Ja, der Weg ist frei, rechts liegt ein E-Roller, links stehen Autos. Oder ich kann sagen: Ich suche einen Papierkorb am Bahnhof oder eine Bank oder ein bestimmtes Gleis. Also ich kann den Auftrag vergeben, und der wird dann fortwährend ausgeführt – auf Basis eines Videos beziehungsweise vieler einzelner Bilder, die hintereinander gemacht werden. Auch das funktioniert schon ganz ordentlich, noch nicht hundertprozentig fehlerfrei, es gibt noch Rechts-links-Probleme. Und bei all diesen KI-Dingens ist es natürlich so: Man darf sich da nie blind darauf verlassen, im wahrsten Sinne des Wortes, sondern man sollte immer seinen Langstock mitführen und das überprüfen, was da gesagt wird. Aber es ist wirklich erstaunlich, was da schon erledigt wird. Und ja, ich wollte noch mal darauf zurückkommen: Diese Brillen sind nicht für uns gemacht und trotzdem so hilfreich – und das finde ich richtig, richtig cool, muss ich sagen. Weil: Wir kennen ja alle das Thema mit den Hilfsmitteln. Erstens sind sie in der Regel sehr, sehr teuer, wir müssen schauen, dass wir sie von der Kasse kriegen, dass wir vielleicht schlecht genug sehen, um sie zu kriegen – es ist alles immer mit viel Aufwand verbunden. Und ich persönlich würde mir wünschen, dass alle Gegenstände des Alltags für uns einfach nutzbar sind und im Idealfall noch so hilfreich wie eben aktuell diese KI-Brillen. Ich habe jetzt noch zwei Beispiele mitgebracht. Leider kann ich meinen Ton hier nicht auf den Bildschirm legen, deswegen lasse ich meinen Ton über das Mikro laufen, das wird schon gehen. Dann könnt ihr einfach mal hören, wie sich das anhört – und wer es noch sehen kann, kann auch sehen. Ich habe das Bild mit einem zweiten Handy mitgefilmt, ich habe das heute erst gemacht; ich bin immer ein Fan davon, das ganz zeitnah zu machen, beziehungsweise ich bin einfach immer spät dran mit allem, ehrlicherweise. [Zwischenfrage aus dem Online-Publikum: Wie hieß die App, die PDF liest? – Antwort: ScribeMe, S-C-R-I…] [Demo: Einspielung von zwei Tonschnipseln der KI-Brille im Einsatz.] KI-Brille: „Der Weg ist frei. Du gehst auf einem Bürgersteig, der links von einem Metallzaun und rechts von einer Reihe geparkter Autos begrenzt ist." – „Beschreibe meine Umgebung." – „Metallzaun links. Bürgersteig, Schatten eines Zauns auf dem Bürgersteig. Fahrrad auf dem Bürgersteig. Rotes Gebäude mit vielen Fenstern. Weißes Gebäude rechts. Blauer Himmel, schwarze Straßenlaterne links." KI-Brille: „Ich sehe die Gleise 12 und 13 auf den Anzeigetafeln über dir, aber Gleis 15 ist nicht direkt in deinem Blickfeld." – „Ich sehe kein Gleis 15. Direkt vor dir ist ein blaues Schild mit der Nummer 13." – „Ich sehe ein Schild mit der Nummer 14 auf der linken Seite, Gleis 15 ist nicht direkt vor Ihnen." – „Gleis 15 ist direkt vor Ihnen auf der linken Seite zu sehen." – „Ich sehe ein blaues Schild mit der weißen Zahl 15 darauf, das Gleis 15 anzeigt." Markus Bernrieder: So, ihr habt es ja ein bisschen hören können, wie man sich das vorstellen muss. Natürlich muss man schauen mit Umgebungsgeräuschen, und man merkt auch: Je nachdem, wie gut das Netz gerade ist, kann es einen Verzug geben. Das heißt, ich kriege eventuell erst etwas angesagt, wenn ich schon daran vorbeigelaufen bin. Also ich sollte mich damit relativ langsam bewegen, vielleicht immer mal wieder auch stehen bleiben. Aber es kann durchaus schon eine Hilfe leisten, die ich, glaube ich, letztes Jahr noch gar nicht für möglich gehalten hätte. Damit würde ich meinen Teil beenden und an den Steffen übergeben und sage vielen Dank für die Aufmerksamkeit. ── Frage aus dem Publikum: iPhone oder Android? ── Markus Bernrieder: Ja, die Frage war zu Android. Das ist tatsächlich ein schwieriges Thema, sage ich mal. Ganz kurz gesagt: Jeder, der Lust hat, sich selber damit zu befassen, sich da wirklich reinzuknien, nachzugoogeln, zu schauen, auszuprobieren, zu spielen – wer technisch erfahren ist, für den ist Android sehr gut geeignet, auch der wird das meiste davon schaffen. Wenn jemand auf Hilfe angewiesen ist und sagt: Wie geht das, wie mache ich das, wie komme ich dorthin, wie geht das mit dem Screenreader, welche Gesten brauche ich? – dann würde ich dringend zu einem iPhone raten, weil der Pool an Leuten, die helfen können, riesengroß ist. Und bei Android ist er das nicht. Ich habe eine Gruppe, da sind Leute drin, die sich für VoiceOver interessieren – da sind 150 Leute drin. Und dann gibt es noch eine für Leute mit Android – da seid ihr auch eingeladen mitzumachen, wer da reinkommen möchte, das sind WhatsApp-Gruppen –, da sind halt 20 Leute drin bei Android. So kann man sich den Unterschied etwas vorstellen. Das ist der eine Punkt: Es gehört viel Eigeninitiative bei Android dazu, weil es je nach Handyhersteller und je nach Software-Variante sich sehr viel unterscheiden kann. Und bei Apple ist durchgehend alles gleich – also ich kann ein iPhone 4 in die Hand nehmen und ein iPhone 17 in die Hand nehmen, und ich kann es einfach bedienen. Bei Android muss man sich anpassen, sage ich mal. Und der letzte Grund, den ich noch anführen kann: Dadurch, dass der Nutzerkreis für Apple sehr groß ist – wenn es da junge App-Entwickler gibt, die sich was überlegen und was ausprobieren, wie die Live Read, die ich gerade gezeigt habe, dann tun die das erst mal für die Apple-Plattform, weil dort die Nutzer sind. Dann kann man Glück haben, dass es noch für Android umgesetzt wird – oder es bleibt dabei, dass es diese App dann nur für Apple gibt. Das kann durchaus passieren. Die großen Hersteller, Microsoft und so weiter, die stellen ihre Apps natürlich für alle Plattformen zur Verfügung, das ist ganz klar. Wie gesagt: weitere Fragen – wir sind dann bei unserem Stand, damit wir hier die Zeit gut kurz halten. Moderation: Bitte die Zeit einhalten, weil alle anderen nachher nach dem Abendessen hier sein müssen. ── Erfahrungsbericht: Vom Sehverlust zur digitalen Selbstständigkeit ── Steffen Beck: Ich werde mich auch kurz fassen. Mein Bericht ist eigentlich eher ein Erfahrungsbericht aus meiner eigenen Sicht, um den Leuten vielleicht Mut zu machen oder anzuregen, nicht aufzugeben. Es ist bei mir so, dass ich eine Augenerkrankung hatte, eine pathologische Myopie. Frühgeburtlich erblindet bin ich links, und rechts habe ich alle Grade der Sehbehinderung durchgemacht – da Kurzsichtigkeit mit dem verlängerten Auge, bis hin zur Netzhautablösung 2003. Und weil das nicht gereicht hat, 2010 eine CNV, vergleichbar mit der Makuladegeneration. Ja, was macht man nun? Ich war zu dem Zeitpunkt auswärts tätig, das Sehvermögen ließ drastisch nach – was macht man nun? Für die Arbeit habe ich praktisch eine Anpassung von Arbeitsmitteln beim BEV bekommen: damals mit Topolino gearbeitet, mit Bildschirmlesegerät, und noch mit einem Nokia N86 mit gigantischen 8 Megapixel Bildkamera – aber schon mit KNFB Reader. Selbst habe ich mich aber selbst organisiert. Es war praktisch so, dass ich 2010 Anschluss an die PRO RETINA Regionalgruppe Dresden gefunden habe, dort Ermutigung gefunden habe. Und man muss sagen: Die Selbsthilfegruppen sind eine große Chance, gemeinsam nach Lösungen zu suchen oder Hilfe zu finden oder auch Hinweise auf Studien aller Art zu bekommen. So gelangte ich 2011 über das Universitätsklinikum Tübingen zu einer Studie, die untersuchte, wie blinde oder sehbehinderte Menschen mit synthetischer Sprache zurechtkommen. Das hat mir stark geholfen, gerade mit dieser Sprache klarzukommen – Bücher zu lesen, Zeitschriften zu lesen, rechtzeitig auf PDFs umzusteigen. Das hat mir praktisch das Leben erleichtert. Technik ist eben wirklich ein Schritt auch zur Selbstständigkeit oder zumindest dazu, den Alltag zu meistern und damit umzugehen. 2013 kam für mich der große Umbruch: Mein Sohn vererbte mir sein iPhone 4s. Das war ein Quantensprung, schon allein die VoiceOver-Technologie. Und ich bin konsequent auf Apple-Technologie umgestiegen. Ich nutze seitdem ein iPhone, derzeit ein iPhone 15 Plus. Markus hat schon einige Apps geschildert, die genutzt werden. Ich nutze sehr viel Bücher-Apps, Lese-Apps – einen KNFB Reader zum Beispiel, den nutzt man kaum noch –, den Voice Dream Reader, der verbunden worden ist mit dem Voice Dream Scanner, mit dem man eben Bücher oder Dokumente aller Art lesen kann, und die Navigations-App. Ich möchte aber auch sagen, dass die Beschäftigung mit dem iPhone trotzdem eine Herausforderung bleibt. Man muss, wie Markus schon richtig sagt, immer spielbereit sein und das nutzen. Ich bin inzwischen verrentet, und weil das Sehvermögen so schlecht geworden ist, dass es für die Arbeit nicht mehr reicht, bin ich voll in die Ehrenamtstätigkeit bei der PRO RETINA und im örtlichen Blindenverband eingestiegen. Meine hauptsächlichen Hilfsmittel sind das iPhone und das MacBook, mit beiden komme ich sehr gut zurecht. Beim MacBook nutze ich ebenso wie auf dem iPhone inzwischen die KI-Möglichkeiten, wie zum Beispiel ChatGPT oder Copilot. Diese beiden Technologien sind sehr gut und vor allen Dingen im Umgang mit Texten fast unschlagbar. Aber Vorsicht: Man sollte diesem ChatGPT nicht so sehr vertrauen. Zwei kleine Beispiele. Wer schon längere Zeit ein iPhone nutzt: Da war es so, dass es 2023 ein Problem mit der Software beim Vorlesen gab – immer bei Großbuchstaben wurde „Homograf" angesagt. Nichts liegt näher, als dass ich mal ChatGPT frage, wie ich mir das beheben kann. Und die zeigt mir einen Weg zu einem Menü, zu dem ich hin sollte, und einen Punkt, den ich ausschalten sollte. Alles gut und schön erklärt – das Problem war nur: Das Menü gab es gar nicht. Auf mehrfaches Nachfragen hat es mir dann ChatGPT kleinlaut gestanden: Nein, ich kann nicht helfen. Also nicht nur Augen auf beim Eierkauf, sondern auch im Umgang mit diesen KIs: konkrete Fragen, Quellenangaben helfen da weiter. Ein zweites kleines Beispiel, ich will dann abschließen: Eine Buchzusammenfassung wollte ich über ChatGPT erreichen. Das Programm hat eine wunderbare Buchzusammenfassung kreiert – allerdings nicht zu dem Buch, sondern zu einem imaginären Buch, was es gar nicht gab. Aber auch dort hilft ebenso: konkret fragen, vielleicht nach dem Vorwort fragen – und wo kriegt man seine Antwort? Im Großen und Ganzen – ich möchte das jetzt mal abkürzen – möchte ich euch ermutigen: Seid mutig, verbindet euch, verknüpft euch, nutzt Selbsthilfegruppen oder Berater wie uns, um nicht aufzugeben und euch dann immer auch praktisch mit der Technik euren Alltag zurückzuerobern, Teilhabe zurückzuerobern. Damit ende ich schon und möchte euch Mut machen. ────────────────────────────────────────── Mehr Informationen: https://sightcity.net/F031008