SIGHTCITY 2026 – FORUM Aktives Altern mit Sehverlust | Forumsbeitrag SightCity 2026 | Reinhardt, Golke, Stadtler Vortrags-ID: F031009 Aufzeichnung: 27. Mai 2026 Referentin und Referenten: Margret Reinhardt – ehem. Vorsitzende im BFS, ausgebildete Blickpunkt-Auge-Beraterin Thomas Golke – Podcaster, zuvor PR, Marketing, Forschung und Archiv Emanuel Stadtler – Selbsthilfe und Lokalpolitik, zuvor Senior Manager und Manager des Dialoghauses „Dialog im Dunkeln" in Hamburg Alle drei engagieren sich seit 2023 in der Fokusgruppe „Sehen im Alter" des DBSV. Laufzeit: 33:16 Minuten Hinweis zum Transkript: Der Text folgt der Videoaufzeichnung. Füllwörter wurden entfernt, offensichtliche Erkennungsfehler korrigiert und Satzzeichen zur besseren Lesbarkeit ergänzt. Der Sprachduktus der Referentin und der Referenten bleibt erhalten. Wortmeldungen aus dem Publikum sind anonymisiert. ================================================================================ [00:00:00] BEGRÜSSUNG UND VORSTELLUNG DER REFERENTIN UND REFERENTEN Anmoderation: Hallo und herzlich willkommen zum Mitschnitt des Forums vom 27.05.2026: „Aktives Altern mit Sehverlust". Referenten: Margret Reinhardt, Emanuel Stadtler. Viel Spaß mit dem Vortrag. Danke. Margret Reinhardt: Dann sag ich erstmal herzlich willkommen zu unserem Vortrag jetzt über „Aktives Altern mit Sehverlust". Ich freu mich sehr, dass wir heute hier die Referenten sein können, und ich freu mich auch über die Zuschauer online und im Livestream und was alles dabei ist. Danke schön. Wir sind also heute zu dritt hier. Und wie gesagt: Mein Name ist Margret Reinhardt, zu meiner Person werd ich gleich noch ein bisschen sagen. Wir drei – meine zwei Begleiter und ich – engagieren uns seit 2023 bei der Initiative „Sehen im Alter". Genauer gesagt gehören wir zu der Fokusgruppe eines Projekts, das sich um die Partizipation älterer Menschen mit Beeinträchtigung, das sich damit befasst. Inhaltlich geht es dabei unter anderem um Themen wie Teilhabe, Partizipation, Barrierefreiheit für seheingeschränkte ältere Menschen. Es geht aber um Fragen wie: Wie können wir partizipieren? Wo können wir mitmachen? Wo können wir mitbestimmen? Wo können wir Forderungen auch einbringen und uns Gehör verschaffen? Und Genaues zu diesen Inhalten und was wir hier gearbeitet haben, können Sie dann beim DBSV beziehungsweise im Internet auf „Sehen im Alter" nachlesen. Das ist jetzt zu viel, das würde den Rahmen sprengen – oder ich komme noch mal wieder, dann erzählen wir davon. Aber wir haben schon eine Menge geschafft, ich kann da nur Werbung für machen. Und wie gesagt, ich komme heute nicht alleine, wir stellen uns gleich noch vor. Also: Mein Name ist Margret Reinhardt. Ich war jahrelang im BFS als Vorsitzende aktiv, ich bin ausgebildete Blickpunkt-Auge-Beraterin und berate ganz viele sehbehinderte ältere Menschen, bin aktiv in der Selbsthilfe vor Ort. Und – ich weiß nicht, haben wir blinde Menschen anwesend? – ich sag mal: Ich bin 1,60 groß, relativ stimmgewaltig auch. Manchmal sagt man: „Man sieht sie noch nicht, aber man hört sie schon." Und ich habe heute eine helle Hose an und eine rot-weiß gestreifte Bluse – ja, nur dass man sich eine Vorstellung machen kann. Und ich habe graue Haare, weil ich auch schon zu den Senioren, zu den Seniorinnen gehöre. So, und dann reich ich das Mikrofon zu meinem Kollegen weiter, der sich dann auch kurz vorstellen wird. Thomas Golke: Ja, ich hab selber eins noch, ich hab ein eigenes. Mein Name ist Thomas Golke. In meinem ersten Leben war ich in einer Organisation tätig, ein mittelständisches Unternehmen oder eine mittelständische Organisation, war da verantwortlich für PR, Marketing, Forschung und Archiv. Und seit 2022 bin ich in meinem zweiten Leben und hab jetzt nur noch eine Restsehfähigkeit von 4 Prozent. Da meine Frau mir die richtige Hose rausgelegt hat: Ich hab eine schwarze Hose an, schwarze Socken, schwarze Schuhe, schwarzes T-Shirt und einen Blazer. Und hab auch graue Haare. Und bin jetzt in meinem zweiten Leben Podcaster, zusammen mit Emanuel, der kommt jetzt gleich nach mir. Und wir machen einen Podcast, der jeden Monat Themen zum Sehen für Menschen im höheren Lebensalter berichtet. Und jetzt ist der Emanuel dran. Ja, vielen, vielen, vielen Dank. Emanuel Stadtler: Ja, okay. Ich bin Emanuel Stadtler, 72 Jahre alt, vier erwachsene Kinder, zwei Enkelkinder. Und ja, auch ich habe sozusagen ein zweigeteiltes Leben. Bis vor 26 Jahren, um konkret zu sein, war ich Senior Manager in einem globalen Großkonzern, ehe sich dann meine Augenerkrankung manifestiert hat. Das ist also eine erblich bedingte Makuladegeneration, die dann auch schon im früheren Alter auftaucht und mich damals zumindest zur Aufgabe meiner beruflichen Tätigkeit zwang. Seitdem – zunächst als Hausmann, dann noch mal als Student, Magisterstudium – hab ich mich dann dem Ehrenamt letztlich zugewandt und bin seitdem tätig, zum Beispiel als Manager des „Dialog im Dunkeln" in Hamburg, das Dialoghaus, dort für etliche Jahre. Und bin in der Selbsthilfe tätig und in der Lokalpolitik, wo ich versuche, die Belange von Menschen mit Behinderung bei uns in der Kommune zu vertreten – und eben auch in der Fokusgruppe „Sehen im Alter" des DBSV. So, gut. Dann bin ich dran. Ja, okay. Ich bin 1,77 groß, immer noch, interessanterweise – ich dachte, ich sei kleiner geworden. Bin ein untersetzter Typ und habe schütteres Haar – nein, ich hab eine Glatze. Aber keine Vollglatze, sondern noch einen weißen Haarkranz. Und ja, bin relativ braun gebrannt, weil ich grad noch beim Segeln war – und komme gleich noch drauf. Und trage ein ... ja, aber diese Farbe, ich weiß es gar nicht: türkis. Ja, türkis, ein türkises Polohemd, eine weiße Hose. Und ja, gut, machen wir weiter. Okay, danke. Zuruf aus dem Publikum: Man versteht die Männer relativ schlecht. Emanuel Stadtler: Wie bitte? Zuruf aus dem Publikum: Man versteht die Männer relativ schlecht. Emanuel Stadtler: Ist das so besser, wenn man da reinbeißt? Ups. Also, ich kann auch ohne Mikrofon sprechen. Okay, nein. Ah, okay. Ja, ist das so gut? Ja. Ah, okay, weil ich war immer gewohnt, so zu sprechen. Okay, gut. -------------------------------------------------------------------------------- [00:07:02] DEMOGRAFISCHER WANDEL UND DIE ZENTRALE BOTSCHAFT Emanuel Stadtler: Ja, fangen wir an. Wir wissen, dass wir im Hinblick auf das Sehen im Alter vor großen Herausforderungen stehen – der viel beschworene demografische Wandel, der dazu führt, dass wir immer mehr ältere Menschen haben. Damit haben wir aber auch immer mehr altersbedingte Augenerkrankungen. Und wir wissen, dass diese Formen insbesondere im Alter zu häufig zur Isolierung, zur Einsamkeit und auch zum Autonomieverlust führen. Was wir in der Situation brauchen ist, dass wir uns auf unsere Möglichkeiten konzentrieren, auf das, was uns zugänglich ist und was wir machen können – und aufhören, uns damit zu beschäftigen, was wir alles nicht mehr können. Und damit nehm ich schon eine zentrale Botschaft unseres Vortrages vorweg: Lass uns konzentrieren nicht auf das, was wir vielleicht nicht mehr können, sondern auf das, was wir können. Und lass uns das aktiv angehen. Unser Ziel dabei ist es, ein spannendes und bereicherndes Leben zu führen – mit Sehverlust, nicht trotz Sehverlust. Ganz wichtig: mit Sehverlust. Lass uns damit leben. Danke. -------------------------------------------------------------------------------- [00:08:42] THESE 1: SELBSTBESTIMMUNG IST WICHTIGER ALS SEHKRAFTVERLUST Emanuel Stadtler: Und das bringt mich sofort zu unserer ersten These, die wir präsentieren wollen. Und das ist: bei allen Schwierigkeiten, die unser Sehverlust mit sich bringt – was viel gravierender dann noch ist für viele Menschen, ist der Verlust an Selbstbestimmung. Und deswegen die These: Selbstbestimmung ist wichtiger als Sehkraftverlust. Danke. Und was meinen wir damit? Es geht schon im Kleinen los. Es hat praktisch zwei Zielgruppen: Das eine sind die Betroffenen selbst, die sich sozusagen selbst empowern müssen. Aber auch die ganzen Fachkräfte und Familienangehörigen, die in ihrem Bemühen, den Betroffenen zu helfen, sehr häufig darüber hinausgehen – wir kennen das nur zu gut – und damit die Betroffenen auch häufig ungewollt entmündigen. Und deswegen ist es ein Punkt, in dem wir beide brauchen: den Betroffenen und den Betreuer sozusagen. Und die Möglichkeiten und die Anregung geben, selbst sein Leben zu bestimmen. Das geht ganz klein los: dass ich den Gang zum Bäcker, den mir meine Tochter gerne abnehmen möchte, selbst machen möchte – auch wenn es unbequem ist. Und wir kennen das sehr gut, sind wir alle durchgegangen, dass man natürlich, gerade wenn man mit der Diagnose konfrontiert wurde, auch alles gern aus Bequemlichkeit annimmt, was einem vielleicht das Leben wieder etwas leichter macht. Da muss man ein bisschen gegen den eigenen Schweinehund anarbeiten und sagen: Nein, ich will das machen. Also zum Leidwesen – um dann das Beispiel zu bringen: Meine Frau beziehungsweise meine Familie bezeichnet mich als „Autarki", das ist mein Spitzname, weil ich mich bemühe, möglichst viel noch alleine zu machen, auch wenn mir meine Familie immer gerne die Dinge abnimmt. Meine Frau gehörte allerdings nie dazu. Die muss als Betreuerin sozusagen damit leben, dass sie häufig im sozialen Bereich – also wenn wir Gäste haben oder so – sich von Gästen anhören muss: Sag mal, wie behandelst du deinen Mann? Der ist doch schwer sehbehindert oder fast blind. Und dann antwortet sie: Nein, der kann das selbst, das will er auch selbst machen. Ja, also manchmal gehört auch dann Mut seitens der Betreuer dazu, sich über so einen sozialen Druck hinwegzusetzen. Also noch mal zusammenfassen: Selbstbestimmung ist einer der wichtigsten und, wenn nicht, der wichtigste Faktor, um ein aktives Leben im Alter mit Sehverlust zu führen. So, das bringt mich dazu, zur zweiten These, dass wir Technik nutzen wollen. -------------------------------------------------------------------------------- [00:12:00] THESE 2: TECHNIK SCHAFFT TEILHABE Thomas Golke: Ist es jetzt besser mit der Stimme? Ja? Okay. Unsere These jetzt Nummer zwei ist: Technik – Freund oder Feind? Oder: Technik schafft Teilhabe. Wir wissen alle, im Alter ist es so, dass man sagt: Mh, das kann ich nicht mehr. Also grade wenn ich was Neues lernen muss – das kann ich nicht mehr, meine Finger gehen nicht mehr so richtig, ich kann nicht mehr richtig gucken, das wird immer schlimmer. Und außerdem: Das hat's früher nicht gegeben, warum soll ich das heute lernen? Zum Beispiel am Smartphone. Und wir müssen sozusagen als Ältere den Weg der intrinsischen Motivation versuchen, also der Motivation um der Sache willen. Ein älterer Mensch lernt nicht für gute Noten – das lernen die Kinder, die Schüler vielleicht, wenn sie Glück haben. Aber ein älterer Mensch, der lernt das nur, wenn er einen Nutzen daraus sieht. Und wir müssen den älteren Menschen den Nutzen erklären, am besten zeigen, müssen ihm sagen, dass das funktioniert, damit es besser wird. Und wir schaffen es auf diese Art und Weise auch, ein Leben zu führen, das – wie Emanuel gesagt hat – selbstbestimmt ist. Das heißt nicht, dass ich alles selbst machen muss, aber es muss selbstbestimmt sein. Ich mach mal einfach ein paar Beispiele. Ich find's zum Beispiel toll: Am Anfang, 2022, war ich zu Hause, da war meine Tagesleistung: einmal rasieren gehen. Und das war's dann. Und irgendwann hab ich Langstocktraining gemacht – das ist eine Form, um sich zu orientieren und Technik zu nutzen, ist jetzt sehr analog. Und ich hab dann angefangen, mir Apps aufs Handy zu laden. Und jetzt geh ich halt alleine durch die Stadt. Das erste Mal war es wie eine Befreiung; jetzt ist es normal, aber es war wie eine Befreiung, dass man etwas wieder selbst tun kann, ganz von allein. Und solche Art von Beispielen müssen wir den älteren Menschen geben, damit sie begreifen – oder nicht begreifen, das klingt so ein bisschen patriarchalisch – damit sie auch das nachvollziehen können, was ich erlebt habe oder was andere erlebt haben. Wenn du die Technik beherrschst, dann ist sie auch dein Freund, dann wird sie dir auch Teilhabe ermöglichen. Und dann kommen wir zum nächsten Punkt. Danke. -------------------------------------------------------------------------------- [00:14:49] KULTUR ERLEBEN MIT SEHVERLUST Margret Reinhardt: Ja, okay. Ich beschäftige mich mit dem Punkt Kultur. Da höre ich grad in der Beratung immer wieder so das Vorurteil – sag ich ganz offen: Kultur für Seheingeschränkte, für Sehbehinderte und Blinde, was haben die denn davon? Wenn die in Museen gehen, die können doch keine Bilder sehen, das lohnt sich doch gar nicht. Gott sei Dank – ne, leider – haben solche Vorurteile immer noch Bestand. Und grade Vorurteile haben immer eine ganz lange Haltbarkeitsdauer. Gott sei Dank ist die Realität inzwischen anders. Mit fortschreitender Inklusion werden auch die Angebote für seheingeschränkte Menschen immer mehr. Da hat sich wirklich eine Tür in den letzten Jahrzehnten für uns geöffnet. Es gibt also inklusive Museumsbesuche, es gibt Tastführungen, wir haben Hörbücher – so bleibt uns das Lesen auch wieder möglich, Lesen mit den Ohren, sage ich. Es gibt Audiodeskription, es gibt Theaterführungen, man hat das Angebot, vorher die Kostüme zu ertasten. Also die Angebote sind sehr, sehr zahlreich, und die sollten auch angenommen werden. Aber was das große Hindernis ist: Wie komme ich zu solchen Angeboten hin? Wie erfahre ich als seheingeschränkter älterer Mensch davon, wenn ich vielleicht nicht so technikaffin bin und in entsprechenden WhatsApp-Gruppen Mitglied bin? Wie komme ich an die Informationen, und wie gelange ich zu den Orten, wo mir das angeboten wird? Was nützt mir die tollste inklusive Veranstaltung, wenn ich keine Möglichkeit habe oder keine Begleitung dahin? Das wird leider ganz oft nicht mitbedacht, und da liegt der Hase im Pfeffer. Da wird die Tür wieder zugemacht und wir werden ausgeschlossen. Ein tolles Angebot, was auch zu mir ins Wohnzimmer kommt und wo ich ein riesen Fan von bin, ist das Angebot „Bei Anruf Kultur". Da gibt es telefonische Kulturführungen aus bundesweit über 140 Museen, Gedenkstätten, Galerien und weiteren Kulturorten. Das ist Klasse. Da kann ich mir die entsprechenden Programme runterladen, kann schauen, wann was angeboten wird. Der Zugang ist wirklich niederschwellig und einfach, und Kultur kommt zu mir nach Hause. Ein tolles Angebot – da möchte ich wirklich gerne hier mal ein bisschen Werbung für machen. So, wir sollten also wirklich überlegen und auch fordern – das wär auch so ein Bereich, wo sich die Fokusgruppe mit für einsetzt –, dass uns die Türen hierfür, zu Kulturangeboten, nicht wieder verschlossen werden, weil wir sie nicht erreichen können. Kultur gehört mit zum Leben, gehört mit zum Menschen, und dort sollte weder gespart noch sollten Behinderte ausgeschlossen werden. -------------------------------------------------------------------------------- [00:18:03] MOBILITÄT, BEWEGUNG UND SPORT Emanuel Stadtler: Zum Leben gehört auch Mobilität, Bewegung, Sport. Aber um zunächst mal ganz basic anzufangen: Bewegung schafft erstmal Sicherheit. Und dabei haben wir im Blick jetzt nicht, dass jeder ein Sportler werden sollte, muss oder wie auch immer. Und ohnehin sind das hier nur Anregungen und nicht irgendwie ein Vorschlag, was man machen sollte, sondern nur aus unseren Erfahrungspunkten, die wir für wichtig halten. Und da geht es los eben mit einem Training, das einem die ersten Schritte wieder selbständig ermöglicht. Dazu gehört auch, dass man seinen Hintern hochkriegt und einfach losgeht und irgendwie eine Langstockrunde um seinen Wohnort macht, ausprobiert, dass man den Weg zum Einzelhändler mal selbständig versucht hinzukriegen und Ähnliches mehr – genauso wie die Sturzprävention. Es tut auch für Leib und Seele gut und schafft soziale Kontakte. Und diese verbesserte Mobilität führt dann auch dazu, dass ich sportliche Dinge machen kann. Es gibt inzwischen so viel – aber das Gleiche, was für die Kultur gilt, gilt da auch für den Sport oder die Bewegung: Man muss sie halt suchen. Es wird einem nicht, insbesondere hier in Deutschland nicht, an einen herangetragen, man muss sie suchen. Also, ich erwähnte schon, ich war letzte Woche beim Segeln. Segeln – und das hat nicht nur mit viel Geld zu tun. Es gibt inzwischen in Deutschland so viele inklusive Segelangebote, dass ich jedem, der sich da eine Beziehung dazu vorstellen kann, nur anempfehlen kann, das mal auszuprobieren. Weil auf so einem Boot geht es immer um Teamarbeit, jeder hat seine Rolle, und es gibt immer auch eine Rolle für einen mehr oder weniger stark sehbehinderten Menschen. Danke. Und wichtig in dem Zusammenhang ist es, einfach mal auszuprobieren, selbst wenn man sich das zunächst nicht vorstellen kann. Es gibt noch eine andere Geschichte, jetzt erwähne ich die auch in diesem Zusammenhang: Ich hatte einen Freund, der ein begeisterter Golfspieler war und der zu mir eines Tages sagte: Warum fängst du nicht mal an, Golf zu spielen? Und dann sag ich: Spinnst du? Du weißt doch, dass ich fast blind bin – und so ein kleiner Ball! Und dann sagte der: Probier's einfach mal. Dann hab ich's probiert – und es funktionierte. Aus mir wird nie ein Tiger Woods, aber es ist wieder eine Sportart, die ich zusammen mit meiner Frau machen konnte oder kann. Was in vielen anderen Dingen wie Tennis in der Form nicht möglich ist – aber auch dort gibt es inzwischen Möglichkeiten für seheingeschränkte und blinde Menschen, grade in Köln so ein Center, um sich mit Tennis zu beschäftigen. Dann die Möglichkeit, sich mit dem Tandem auseinanderzusetzen, um wieder rauszukommen. Ja, natürlich, manchmal ist das nicht so einfach: Ich mit meinen fast zwei Zentnern muss hinten sitzen und meine Frau mit ihren 60 Kilo muss vorne sitzen, was nicht ganz so ideal ist beim Tandem. Aber es funktioniert, und man kann wieder Dinge gemeinsam machen und rausgehen und die Welt erkunden. Ja, ich kann mich nicht mehr auf mein Motorrad setzen – aber damit beschäftige ich mich nicht mehr. Und das ist, finde ich, ganz wichtig, auch hier noch mal zu betonen: dass man sich mit den Möglichkeiten, die man nicht mehr hat, auch nicht mehr beschäftigen sollte, sondern nur noch mit den Möglichkeiten, die man hat. Und das Gleiche gilt eben auch hier für den Sport und die Bewegung. Danke. -------------------------------------------------------------------------------- [00:22:42] THESE 3: SOZIALE NETZWERKE SCHAFFEN RESILIENZ Thomas Golke: Hallo. Ich komm dann mal zur nächsten These – das ist richtig, okay. Ich nehm das mal auf, was du sagst: dass man nicht auf das schauen soll, was man nicht mehr kann, sondern auf das schauen, was man kann oder was man vielleicht neu lernt, neu erfährt. Wir haben das in die These zusammengefasst, dass soziale Netzwerke Resilienz schaffen. Was ist Resilienz? Resilienz, könnte man sagen, ist so eine Art Modewort, und es wird ja auch in der Politik jetzt häufig benutzt. Und wir verstehen es nicht so als etwas, dass man sich selbst optimieren muss um jeden Preis, sondern es geht darum, dass man Widerstandsfähigkeiten entwickelt. Und das ist halt eine Frage von Training, ist nicht angeboren, es ist etwas, das man pflegen muss, man muss es entwickeln. Und was kann man da sozusagen für Teile in dieser Resilienz finden, die einem ermöglichen, resilienter zu werden? Für mich ist da der eine Punkt, dass man eben versucht, auf das Halbvolle zu schauen, nicht rückwärts. Immer in dem Moment, wo ich rückwärts schaue, hab ich persönlich immer so einen Stich in mir, denk mir immer: Mh, geht nicht. Aber wenn ich nach vorne schaue und wenn ich mich zum Beispiel darauf freue, dass ich mit Emanuel zusammen einen neuen Podcast mache, dann hab ich so eine richtige Vorfreude, ich mag so eine Power in mir. Man muss auch gucken, wo man reinpasst. Ich hab auch versucht, in andere Gruppen – also wenn man jetzt soziale Netzwerke betrachtet, gibt's ja Angebote auf der regionalen Ebene. Bei uns in Kreuzberg in Berlin gibt's das Lokal, da war ich, und das war einfach nicht ... das waren nicht meine Leute, also mit denen konnt ich nichts anfangen. Ich hab jetzt diese Gruppe „Sehen im Alter" – ich find die fantastisch, sind total tolle Leute, die engagiert sind. Und da fühl ich, da pass ich rein, und da gewinn ich auch als Person ganz viel, ganz viel stärker. Und eine andere Sache ist, dass man sich auch ein bisschen verabschieden muss davon, dass man dieses Rückwärtsgewandte wie so einen Klotz am Bein hat – sondern dieses Öffnen, dieses Türenöffnen. Du hast doch kurz schon von mir gesprochen: das Öffnen der Türen – und dann noch durchgehen. Ich hab da so ein Beispiel: Meine Frau – wir haben heute Hochzeitstag, den 45. Hochzeitstag – und meine Frau wollte gerne, dass wir eine Reise machen. Und da hab ich gedacht: Oh Gott, oh Gott, ich sitze auf so einem Boot und kann eh nichts sehen, das wird schon ganz, ganz gruselig werden. Das war eine der tollsten Reisen, die wir zusammen gemacht haben. Und da gab's zwei Elemente: Das eine ist vom Sozialen her das Element Familie – also eben, dass meine Frau dabei war und mir das sozusagen weitestgehend mit ermöglicht hat. Und das andere war: Ich hatte in meinem Arbeitsleben einen Kollegen, der war blind, und der ist immer mit seiner Frau gefahren. Und da hab ich gedacht: Mensch, was der kann, das kann ich auch. Also diese Vorbilder machen auch ganz viel aus. Mit anderen Worten: Man muss sozusagen seine Fähigkeit zur Resilienz pflegen, trainieren, man muss seine sozialen Netzwerke pflegen und aufrechterhalten. Aber wenn man das hat, dann wird man ein neuer Mensch. Man ist nicht der Alte, man wird ein neuer Mensch. Aber ich verdanke ganz, ganz vielen Menschen auf dem Weg dahin, dass ich jetzt eine Person in meinem zweiten Leben bin, die vorher auseinandergefallen ist. Das verdank ich ganz vielen Leuten, die mir auf diesem Weg Unterstützung gegeben haben. Ich sag noch ein Beispiel – ich hab ganz viele Beispiele im Kopf, aber ich will dir eins erzählen, was ein bisschen schräg war: Wir hatten früher eine Mitarbeiterin, die ist dann erblindet und hat uns dann – obwohl wir versucht haben, sie zu halten, ist sie noch eine Weile bei uns geblieben – ist dann weggegangen und hat eine Peer-Counselling-Ausbildung gemacht. Und dieser Frau saß ich irgendwann gegenüber als ihr Peer. Ja, und es war ganz komisch, also eine Mitarbeiterin plötzlich als die leitende Figur zu erleben. Aber es war für mich auch gleichzeitig ein total höheres Erlebnis, weil ich mich auf die verlassen konnte, weil ich wusste: Die hat das, was ich erlebt habe, durchlebt. Und die konnte mir Dinge erzählen, zum Beispiel das mit dem Auseinanderfallen, und dann zu mir zu sagen: Viele kleine Schritte, Schritte, lange Zeit – gib dir Zeit, Thomas. Und ich hab gedacht: Wenn ich Ostern erlebe, bin ich froh. Und sie hat gesagt: Du brauchst zwei Jahre. Und die Frau hatte recht: Nach zwei Jahren war ich wieder in der Lage, einigermaßen zu funktionieren und wieder mit neuem Lebensmut in den zweiten Teil meines Lebens zu schauen. Also: Soziale Netzwerke sind extrem hilfreich, und man muss versuchen, sie zu schaffen und zu pflegen. Margret Reinhardt: Ja, das ist wieder mein Stichwort: soziale Netzwerke. Soziale Netzwerke, in denen ich mich auch selber engagieren kann – nach dem Motto: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Viele von Ihnen, die hier sitzen, engagieren sich inzwischen, die engagieren sich im Sportverein oder in der Politik, im Schützenverein, im Turnverein, je nachdem, wo er gerne möchte. Wenn ich sehbehindert werde, hab ich keine Zeit und verschwende keinen Gedanken daran, dass ich mich noch irgendwo engagieren könnte. Ich hab mit Verlustängsten zu kämpfen, ich muss erst wieder sehen, dass ich mein Leben in den Griff bekomme. Ich muss Blindengeld beantragen, eventuell mit Schwerbehindertenausweis, ich muss alles neu organisieren. So. Aber wenn ich gefestigt bin, kann ich auch mal schauen: Was bleibt? Was könnte ich denn noch? Wo könnte ich noch hilfreich sein? Und aus meiner eigenen Erfahrung: Ich habe mir Unterstützung und Hilfe bei Gleichbetroffenen gesucht, in der Sehbehinderten-Selbsthilfe, in der örtlichen. Und dort hab ich so viel Unterstützung bekommen, dass ich nach einiger Zeit gesagt hab – als es mir psychisch wieder besser ging und ich meine Behinderung akzeptiert hab: Ich möchte gerne etwas zurückgeben von der Freude, von der Unterstützung, von der Hilfe, die ich persönlich erfahren habe. Das war mein Startpunkt, dass ich mich seit über 35 Jahren in der Sehbehinderten-Selbsthilfe engagiere, in unterschiedlichen Bereichen. Also, eine Möglichkeit gibt's immer. Man müsste schauen, wo man sich engagieren kann. Man schaut: Was kann ich? Wo liegen meine Stärken? Was möchte ich machen? Das muss nicht immer ein Amt sein, was man übernimmt, man kann auch mit kleinen Dingen hilfreich sein. Hilfreich wär es auch, wenn man jemanden zur Seite gestellt bekommt, der einen so einführt, der einem zeigt, was man machen kann, bei Fragen Unterstützung gibt, bei Problemen weiterhilft. Da ist der Einstieg leichter, und dann ist der Berg nicht so hoch. Und auf der anderen Seite entdeckt man an sich ganz neue Möglichkeiten, neue Stärken, von denen man nie gedacht hätte, dass man sie hat, neue Talente. Ja, ich habe beim BFS e. V. mindestens 20 Jahre eine eigene Zeitschrift mit rausgegeben – das hätte ich mir in meinem ersten Leben nie vorstellen können. Also, da gibt's immer eine Möglichkeit. Und der Tag ist strukturiert, wenn man jetzt aus dem Berufsleben in dieses Rentnerdasein kommt: Man hat wieder eine Möglichkeit, sich zu engagieren, tätig zu sein für die Gesellschaft – was wir dringend brauchen. Das wird in den nächsten Jahren noch viel, viel nötiger sein, dass sich Leute engagieren. Und wenn man in das Rentnerdasein eintritt, ist das eine gute Möglichkeit, weiter aktiv zu sein, am Leben teilzunehmen und sich nicht zu isolieren aufgrund der Sehbehinderung. Im Endeffekt kann ich nur sagen: Machen Sie den ersten Schritt, versuchen Sie's, Sie werden auch für sich viel davon mitnehmen, absolut. Also, wie gesagt: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Danke. -------------------------------------------------------------------------------- [00:31:51] KERNBOTSCHAFT: SCHLECHT SEHEN, ABER STARK LEBEN Emanuel Stadtler: Das war jetzt ... ja, das war jetzt, glaub ich, ist es das. Ich wollte nur zusammenfassen. Zusammenfassend noch mal unsere Kernbotschaft im Hinblick darauf, was Lebensqualität bedeutet – das bedeutet im Alter mit Sehverlust. Und wir halten diese drei Faktoren für eminent wichtig. Das ist einmal die Selbstbestimmung: Komm raus aus deinem Haus, aus deinem Schneckenhaus, und mach was für dich, mach was für andere. Und dann natürlich das ganze Thema Teilhabe: Macht euch die Technik untertan, um Teilhabe zu haben an der politischen Willensbildung der eigenen Stadt und Gemeinde und so weiter. Und last but not least die Sinnorientierung in der Kultur: Sich mit sinnlichen, schönen Dingen zu beschäftigen ist immer eine bereichernde Geschichte. Oder anders ausgedrückt, zum Abschluss: Schlecht sehen, aber stark leben. Abmoderation: Wir hoffen, der Vortrag hat Ihnen gefallen. Mehr Informationen finden Sie unter sightcity.net/F031009. Vielen Dank und bis zur nächsten SightCity. ================================================================================ Ende des Transkripts – SightCity 2026, Forumsbeitrag F031009