Get Ready With Me: Ein Tag im Leben taubblinder Menschen im Deutschen Taubblindenwerk Forumsbeitrag | SightCity Forum 2026 Referentinnen: Ines Aschenbrenner und Vikram Jordri, Lehrkräfte am Bildungszentrum Hören Sehen Kommunikation (BiTS), Deutsches Taubblindenwerk Datum: 28. Mai 2026 Vortrag-ID: F032004 Weitere Informationen: https://sightcity.net/F032004 Hinweis: Eine Referentin spricht Deutsch als vierte Sprache. Fachbegriffe wurden nach bestem Verständnis korrigiert; die persönliche Sprechweise beider Referent:innen wurde bewusst nicht geglättet, um ihre Stimmen authentisch wiederzugeben. ────────────────────────────────────────── ── Begrüßung & Vorstellung: Ines Aschenbrenner und Vikram Jordri ── Hallo, herzlich willkommen zum Mitschnitt des Forums vom 28.05.2026: „Get ready with me – ein Tag im Leben von Taubblinden Personen im Deutschen Taubblindenwerk." Referentin: Ines Aschenbrenner. Viel Spaß mit dem Vortrag, bis dann. **Ines Aschenbrenner:** Hallo, morgen. Ja, wir sind gerade jetzt eingereist, und ich bin seit 15 Minuten in Frankfurt, so bin ich bisschen aufgeregt. Aber meine Kollegin ist seit einer halben Stunde hier, so, sie ist nicht so aufgeregt. Und wir haben das noch nicht so zusammen gemacht, so es ist bisschen vor uns auch bisschen aufregend, weil – ja, seitlich haben wir das erste Mal, dass wir zusammen diesen Vortrag halten von der SightCity. So, wir freuen uns, dass wir durften. Ach, das haben wir jetzt, brauchen wir hier. Und ich muss nur sagen, erstmal: Wenn ich so schnell bin, dann bitte geben Sie mir Bescheid, weil ich komme aus Indien, und meine Sprache ist sehr schnell. Und ich weiß, dass Sie alarmen und Gebärden gleichzeitig – kurz Bescheid geben, und dann kann ich natürlich bisschen langsamer reden, weil das ist mein – manchmal bin ich doch bisschen schnell. Also, wir haben uns überlegt, wir stellen uns mal ganz kurz vor. Ich bin Lehrerin am Deutschen Taubblindenwerk, beziehungsweise am Bildungszentrum Hören Sehen Kommunikation. Ich habe grundständig Sonderpädagogik studiert und dann ein Aufbaustudium in Hamburg gemacht, in Seh- und Hörbehinderung hieß das damals noch, und habe vor Kurzem eine Zusatzausbildung abgeschlossen in Low Vision in pädagogischen Arbeitsfeldern. So, das ist so mein grundsätzlicher Hintergrund – ich weiß nicht, was wir hier falsch machen. Genau, und ich arbeite als Lehrerin am Bildungszentrum. **Vikram Jordri:** Und ich bin Vikram Jordri, ich arbeite auch im Bildungszentrum als ein Lehrer, mit meinen Kollegen hier, Ines Aschenbrenner. Ich habe in Groningen studiert, Geburtstaubblindheit und Kommunikation, und das ist auch mein Schwerpunkt. Und auch ich habe früher in der Reha gearbeitet, bei uns im Deutschen Taubblindenwerk, als Reha-Lehrer, und davor habe ich ganz im Gruppendienst gearbeitet, als ungelernte Kraft. Ja, aber jetzt bin ich jetzt in dem mit dem Schulern mit der Geburtstaubblindheit beschäftigt. So, heute wenn ich hier was erzähle, kann sein, ich mache der die das falsch, es tut mir sehr leid, aber ich hoffe, dass es trotzdem okay ist, weil Deutsch ist mein vierte Sprache, ja. ── Was ist Taubblindheit? Definition und Abgrenzung ── **Ines Aschenbrenner:** So, wir fangen an. Taubblindheit – ich sehe hier in diesem Raum sind sehr viele Menschen mit Hörsehbehinderung, über Hörsehbehinderung. Und was wir heute erzählen, es geht wirklich über Geburtstaubblindheit, mit unserer Schule und unser Haus, in Haus oder unsere Klassen in Schule. So, das ist ein Spektrum, aber wir fangen mit dem Geburtstaubblind an. Wie hier auf dem Slide zu sehen ist, da steht: Taubblindheit ist eine eigene Behinderungsart. Und ein gehörloser Mensch sieht ein Auto, ein blinder Mensch hört es, ein taubblinder Mensch findet ohne geeigneten Partner die Straße gar nicht. So, das ist ein großer Unterschied zwischen – was ist Taubblindheit, und was ist Blindheit, und was ist Gehörlosigkeit: dass ein Mensch mit Taubblindheit findet einfach, ohne geeigneten Partner, die Straße gar nicht. ── Das Deutsche Taubblindenwerk und das Bildungszentrum BiTS ── **Ines Aschenbrenner:** Ja, und dann kurz – genau, wir wollten unsere Einrichtung einfach noch mal kurz vorstellen. Also wir, als Einrichtung, näher ran – gut, gut, Sängerin werd ich nicht mehr. Also wir bieten lebenslange Unterstützung für taubblinde Menschen bei uns in der Einrichtung, das Deutsche Taubblindenwerk. Setzt sich zusammen aus verschiedenen einzelnen Einrichtungen, wenn man so möchte: Wir haben zwei Wohnheime, einmal in Hannover, einmal in Fischbeck. Wir haben eine Werkstatt für behinderte Menschen, außerdem bei uns angesiedelt sind Dienste und Projekte: Die Ausbildung zur taubblinden Assistenz kann man bei uns machen, wir haben ein ambulant betreutes Wohnen, man kann bei uns die taubblinden-technische Grundausbildung für die Reha machen, und es gibt die EUTB, also die ergänzende unabhängige Teilhabe-Beratungsstelle Taubblind in Niedersachsen, bei uns. Dann gibt es das Bildungszentrum – das sind wir, wir sind die Schule. Wir sind das Bildungszentrum Hören Sehen Kommunikation, oder auch kurz BiTS – das wird vielleicht im Vortrag noch mal vorkommen, dann wissen Sie Bescheid, was wir damit meinen. Und im BiTS gibt es einmal unsere Förderschule mit angegliederter Werkstufe, das heißt, unsere Schüler können bis zum 13. Schulbesuchsjahr bei uns unterrichtet und gefördert werden. In der Förderschule integriert ist ein Internat, wir haben eine ambulante und mobile Frühförderung, einen Sonderkindergarten mit zurzeit 5 Plätzen, und da wird vielleicht bald mehr sein, und wir haben noch eine pädagogische Beratungsstelle. Ja genau, das steht das, lese ich jetzt einfach nur vor: Wir sind eine staatlich anerkannte Privatschule mit Internat, das hab ich grad schon gesagt. Zurzeit haben wir 59 Schüler, 5 Schüler davon, oder 5 plus 5 Kindergartenkinder, und davon sind 19 Internatsschüler. Unsere Förderschwerpunkte sind: intensives Training der verbliebenen Wahrnehmungsmöglichkeiten, Aufbau geeigneter Kommunikationsmöglichkeiten, Entwicklung des Sozialverhaltens, Vermittlung von Umwelterfahrung, Schulung lebenspraktischer Fertigkeiten. Und unsere Rahmenbedingungen sind, dass 4 bis 6 Kinder unterschiedlichen Alters in einer Klasse unterrichtet werden, und betreut werden sie von 3 bis 5 Erziehenden – das richtet sich danach, ob es eine Internatsgruppe ist oder ob es eine Tagesschülergruppe, eine Tagesschülerklasse ist, und eine Lehrkraft. Wenn es nötig ist, dann können wir Einzelunterricht anbieten, und wir haben eine 1:1-Begleitung zum Fachunterricht bei Sport, Schwimmen und Rhythmik und LPF. Wir bemühen uns aber, weil wir eben Klassen haben, dass wir die Kinder wirklich auch – um eben das Sozialverhalten zu fördern – dass die Kinder mit mehreren Schülern in einer Klasse unterrichtet werden können. Danke. ── Kommunikationsentwicklung: Vom präintentionalen Bereich zur Co-Creating Communication ── **Vikram Jordri:** Ja, wir dachten, auch wir fangen mit dieser – Ausgangssituation bei uns in unseren Klassen ist: eine Taubblindheit als ein Spektrum, das ist der neue Begriff hier, es kommt von – das ist Taubblindheit ist ein Spektrum vom Taubblindheit. Und das kann auch, dass wir kriegen Schüler mit CHARGE oder Usher, oder auch einfach Syndrom, das man nicht kennen und aussprechen kann, so viele verschiedene. Und jeder Schüler ist anders, oder Schülerin, und deswegen ist unsere Ausgangssituation, jeder Schüler ist besonders und einzigartig, und da fangen wir mit Kommunikation an, weil wir sind eine – unser Schwerpunkt heißt Hören Sehen und Kommunikation in unserem Namen. Nur, das erstmal, nicht jeder Schüler ist gleich bei uns, so ne, also. Also es bedeutet im Prinzip, dass wir uns – weil wir uns mit angeborener Taubblindheit beschäftigen, jetzt auch in diesem Vortrag – dass es darum geht, dass wir uns mit der Sprachentwicklung mit der Kommunikationsform entwickeln. Das werden Sie auch gleich sehen: Also es geht darum, wie kann man mit unseren taubblinden Schülern eine Kommunikation entwickeln, wenn sie sich zum Beispiel im präintentionalen oder frühintentionalen Kommunikationsbereich befinden und noch gar keine wirklichen Begrifflichkeiten haben. Oder auch, wie nachher vielleicht in meinem Fall zu sehen: jemand, der Begriffe hat, aber keine Möglichkeit hat, sich selbst auszudrücken. Und das sind so die – ja, eine Frage schon, ja. Ja, ich spreche zu schnell, Entschuldigung, ich bemühe mich um Besserung. Genau, also wir versuchen darzustellen, wie es ist, wenn wir Schüler haben, die sich im präintentionalen und im frühintentionalen Kommunikationsbereich befinden, wo Körpersignale, Mimik der Hauptzugang sind. Und wir versuchen, die Schüler aber auch dahin zu bringen, dass sie nicht nur verstehen, was gesagt wird, sondern dass sie auch eine Möglichkeit haben, sich selbst auszudrücken. Ich denke, das ist das Wichtigste in diesem – ich geh mal zurück – vor uns ein Entscheidungsfaktor, weil wir sind von der Schule, diese pädagogische Beratung: Ist das vor dem Spracherwerb oder nach dem Spracherwerb, die Taubblindheit? Weil, das ist vor uns – hat die Schule ein Konzept von „ich habe einen Namen, du hast einen Namen, die Sachen haben etwas, etwas Namen" – oder hat diese Schule dieses Konzept gar nicht, dass ich heiße etwas, und Leute haben einen Namen. Und wenn diese – kann auch geburtstaubblind sein, da kann im 2. Lebensjahr, 4. Lebensjahr, vor uns wichtig: Hat dieser Schüler schon das Konzept von Sprache? Und das ist das, was wir uns orientieren, und nicht diesen medizinischen Taubblindheit – 90 Prozent Sehgrad oder Hörrest und tralala, wir sind wirklich als Pädagogen. Genau. So, wir haben uns viel vorgenommen, wir werden diese – also die PowerPoint wird ja auch zur Verfügung gestellt, und ich sehe jetzt schon, wir sind schon bei 11 Minuten, und wir werden jetzt ein bisschen zügiger durchgehen müssen, leider. Genau, ja, also: Bei uns ist es so, die Wahrnehmungssituation ist taktil – die Taktilität ist der zuverlässigste Sinneskanal bei Menschen, die geburtstaubblind sind, weil das Sehen und Hören sehr stark eingeschränkt ist, manchmal funktional nutzbar, wie bei meiner Schülerin, die Sie gleich kennenlernen werden. Olfaktorische und propriozeptive Reize sind gut nutzbar, und der vestibuläre Sinn und die Tiefenwahrnehmung sind Basiswahrnehmungskanäle. Ja, und davor ist unsere Sprache, dass wir heute in den Videos auch vorstellen, ist eine taktile Sprache – vom USA, wo man das sagt, das ist Pro-Tactile, aber wir nehmen einfach nur taktile Sprache, erstmal so grob gehalten. Und so, alles was wir heute sehen, ist basiert auf einer Bodily-Tactile Modalität, und alles ist so – und bei uns ist das eine Sprache, sagen wir so, ne. So, gehen wir schneller weiter, weil wir haben nicht so viel Zeit. Genau, und das fasst das noch mal zusammen: Taubblinden-Pädagogik heißt Kommunikation mit dem eigenen Körper, mit dem unmittelbaren Umfeld, mit dem Rest der Welt, und Kommunikation findet auf basaler, körpernaher Ebene statt, vor und jenseits symbolischer Systeme. Ja, das machen wir weiter, ja: Das Co-Creating Communication, was Sie da gerade gesehen haben, ist im Prinzip ein wissenschaftlicher Ansatz, den wir da ganz unterlegen, ja. Ich denke, das ist das Wichtigste, dazu kurz zu erzählen, was Co-Creating Kommunikation mir bedeutet, ist, dass die – Objekten und taktile Gebärden haben keine Bedeutung, bis wir gemeinsam verhandelt haben, mit einer geburtstaubblinden Schülerin, was hat das für Bedeutung. Und dieses Co-Creating, ist diese Sprache, ist dieses Konzept von Sprache, ungefähr, ne, wenn – auf einer emotionalen Ebene erstmal: nur wenn ich Lust habe, was zu reden, was ich fühle, dann will ich was reden, was erzählen. **Ines Aschenbrenner:** So, also im Prinzip, wenn wir jetzt dann doch was dazu sagen, bedeutet das, dass man eine emotionale Verbundenheit miteinander entwickeln muss, dass man verstehen muss, was sind so zum Beispiel Dinge, die das Kind oder derjenige am liebsten macht. Und das ist die Basis, auf der man anfangen kann, Kommunikation zu entwickeln: Der eine mag zum Beispiel gerne schaukeln, dann ist Schaukeln etwas, was vielleicht als erste Gebärde auftaucht, oder jemand anders mag gerne bestimmte Nahrungsmittel, dann sind das vielleicht im Bereich Essen – wir gehen essen, das ist ein Löffel –, das sind dann vielleicht die Bereiche, wo die erste Kommunikation stattfindet, um einfach erstmal eine Basis zu haben. Und ja, dann gehen wir das hier. ── Bezugsobjekte: Stabile Kommunikationsmittel im Alltag ── **Ines Aschenbrenner:** Genau, das ist ein Kreis, den wir bei uns in der Schule entwickelt haben, in der pädagogischen Beratung. Und dort haben wir einfach alle Kommunikationssysteme aufgeführt, die bei uns relevant sind, die wir anbieten. Und da haben wir unterteilt in flüchtige Kommunikationsmittel und stabile Kommunikationsmittel – das ist total wichtig, dass man sich dessen bewusst ist, dass zum Beispiel Sprache ein flüchtiges Kommunikationsmittel ist, das ist danach weg, wenn es ausgesprochen ist. Aber wenn man zum Beispiel Piktogramme, Bezugsobjekte, oder auch Schrift nimmt, das sind stabile Kommunikationsmethoden – wenn dort eine Kommunikation stattgefunden hat, ist die immer noch vorhanden. Das heißt, wenn ich mit Kindern ein Piktogramm nehme und das benutze, um zu sagen, wir gehen jetzt essen, dann ist das etwas, das das Kind mitnehmen kann, in der Hand hat, und auch neben dem Essensteller ablegen kann, und dann auch anschließend an den Plan wieder zurückhängen kann, in die Kategorie „das ist passiert". Genauso mit dem Bezugsobjekt. **Vikram Jordri:** Ja, ich denke, der zweite Teil von diesem Piktogramm oder dieser Grafik ist für uns wichtiger als Geburtstaubblind-Pädagogen: Dass für uns ist diese, was du in die Hand mitnehmen kannst, zum Beispiel ein Bezugsobjekt, ist auch da fangen wir an. Und heute, was wir zeigen, auch sehr viel: Wir haben in unseren Klassen eine Schülerin gehabt, oder zwei Schülerinnen, und da in unserem Alltag mit Bezugsobjekten haben wir angefangen. Und das ist eine sehr stabile und auch greifbare Kommunikationsmittel, und oft wird das so gesehen, als – das ist doch keine Sprache, die sind nur Objekten und Löffel und tralala. Aber ich denke, für uns die sind genau: Äußerung, Wünsche, und selbstbestimmtes Leben, das sind die Objekten, und da fangen wir an. Danke. Zum Beispiel dieses Beispiel ist von einer Schülerin von meiner Klasse, und diese – alle Objekten, die um diese Tafel hängen, hab ich nach einem System: Jede Aktivität, jeder Unterricht hat ein Objekt. Und als sie zu uns gekommen ist, seit einem halben Jahr, einem Jahr, hatte sie gar kein System, und da haben wir angefangen, diese Geburtstaubblind – zum Beispiel ganz rechts bin ich mit meiner Ankündigung, mein Objekt, oder Sport oder Rhythmik, und so – das ist nur grob, ein Bezugsobjekte-Plan. Und es hängt vertikal an der Wand, und nicht in einer kleinen Box, weil dann hat jedes Objekt einen festen Platz zur Orientierung – das ist nicht zufällig, das ist bewusst, ein fester Platz für alles. Also Bezugsobjekte entwickeln sich in der Kommunikation eben aus diesem Co-Creating, was wir vorhin kurz angerissen haben, heraus – dass gemeinsam über etwas verhandelt wird, oder dass in bestimmten Situationen einfach immer dasselbe Objekt angeboten wird, damit es einen Sinn für das Kind ergibt. Damit sie zum Beispiel weiß: Okay, wenn ich jetzt dieses Stück Teppich in die Hand gedrückt bekomme, das fühlt sich an wie die Wand bei uns in der Turnhalle, deswegen ist das – die Turnhalle. Und deswegen würde es zum Beispiel für dieses Kind keinen Sinn machen, ihm oder ihr eine Miniatur-Fußball in die Hand zu drücken und zu sagen, das ist Sport. Das ist natürlich etwas, was man über die Zeit vielleicht verhandeln kann und sagen kann, okay, das kriegst du immer – aber sinnvoller ist es, wenn man davon ausgeht: Okay, wenn du in den Raum reinkommst, du bist geburtstaubblind, dann ist das Erste, was du fühlst, die Wand, und da ist eben dieser Stoff an der Wand, und deswegen bezeichnen wir das: Wir gehen in den Raum, wo diese Wand ist. **Vikram Jordri:** Oh, ich denke, das ist ein guter Punkt, Ines. So, oft haben wir auch gesehen, früher haben die Kollegen zum Beispiel Lego-Figuren als – für Reitunterricht, eine Lego-Pferd, ich denk, keiner von unserer Schule – und haben die ganze Pferd, das taktile Gefühl. So, das ist oft eine sehr schlechte Objekte, das Bezugsobjekt, meistens ist das Haar von den Pferden, die riechen, oder dieser Gürtel, ja, ne – das sind so grobe Ideen, so man taktil denkt: Was ist ein gutes Objekt. Und wenn man dann ein Objekt hat, dann kann man irgendwann in die Symbolphase eintreten und sagen, okay, dann macht man es kleiner – dann macht man zum Beispiel nicht mehr den Helm, der nach Pferd riecht, sondern dann kann man vielleicht etwas nehmen, was sich nur noch so anfühlt wie der Helm, und so weiter und so fort, dann kann man eben immer abstrakter werden. ── Fallbeispiel Annie: CHARGE-Syndrom im Schulalltag ── **Ines Aschenbrenner:** Jetzt kommen wir zu den Fallbeispielen. Ich habe ein Video aufgenommen von Annie. Annie ist im 09.2008 geboren, sie hat das CHARGE-Syndrom, geht damit also zu den geburtstaubblinden Menschen. Sie hat keine Gehörgänge, und sie kann also nicht hören. Ihr rechtes Auge hat ein Aderhautkolobom, und dort hat sie 10 Prozent Sehvermögen, was sehr wenig ist, aber sie zieht daraus einen sehr guten funktionellen Nutzen – das heißt, im ersten Moment, wenn man sie so sieht, sie bewegt sich sehr sicher in unbekannten Räumen, sie bewegt sich wirklich sehr sicher, man sieht es so ein bisschen an der Kopfhaltung. Ich denke, die Menschen, die sie zuerst sehen, würden nicht auf den ersten Blick denken, dass sie so schlecht sieht, denn das linke Auge ist komplett blind. Außerdem hat sie Zöliakie, was natürlich auch ihren Gesamtzustand manchmal beeinflusst, weil sie halt einfach vielleicht ungeklärte Schmerzen hat, Bauchschmerzen hat. Genau, ja. Sie ist seit dem Sommer 2025 im BiTS, und sie hat insgesamt vier Schulen besucht, mit unterschiedlichen Kommunikationsansätzen. Es wurde zum Beispiel mit ihr eine Zeit lang konsequent nur gebärdet, und es ist auch so, dass sie, wenn man mit ihr gebärdet, einige Gebärden auch durchaus versteht und dann auch entsprechend reagiert, aber sie selber gebärdet überhaupt nicht. Das heißt, sie selber hat gar kein System, keine Möglichkeit, sich auszudrücken. Und bei ihr haben wir – weil Sehen, bei ihr, eben obwohl sie so schlecht sieht, ist trotzdem Sehen für sie sehr wichtig – deswegen haben wir erstmal mit Piktogrammen angefangen, die sie auf einem Stundenplan präsentiert bekommt, die sie dann abnehmen kann und quasi in die „Erledigt"-Kiste tun kann, wenn's vorbei ist. Was total toll ist, weil sie jemand ist, der auch zu Verhaltensauffälligkeiten neigt, und wenn sie nicht verstanden wird, oder glaubt, sie wird nicht verstanden, dazu neigt, sich selbst zu verletzen. Und das hat sich gebessert. Das ist das, was man im Video sieht – mein Video ist sehr viel schlechter als das von Vikram, aber ich hab's jetzt trotzdem mal mitgemacht, weil ich aus irgendwelchen Gründen ganz oft schwarz gefilmt habe, und deswegen werden Sie nicht den Stundenplan sehen, leider, aber Sie werden sie in Aktion sehen. [Videoausschnitte, von Ines Aschenbrenner kommentiert:] Annie ist sehr gesundheitsbewusst, sie isst gerne frisches Gemüse und hilft auch beim Schneiden. Vor ihr liegt das Piktogramm für Basteln, sie bastelt wirklich gerne, da kommt sie dann auch gerne mit. Der Platz, wo sie vorher gelegen hat, das ist ein Ruheort, da darf sie sich zurückziehen und auch mal liegen, weil sie als Kind mit CHARGE-Syndrom halt auch einfach viel Wechsel braucht. Es ist tatsächlich bei Annie so, dass ich ab und zu auch mit ihr arbeite, während sie liegt – ich weiß nicht, ob es bekannt ist, aber Menschen mit CHARGE-Syndrom haben oft auch eine Störung im Gleichgewichtssinn, und es fällt ihnen darum schwer, vielleicht auch im Sitzen zu arbeiten, und sie mögen es dann einfach nicht so gerne, im Sitzen zu arbeiten. Bei Annie merkt man, dass sie auch gerne im Sitzen arbeitet, dass sie es gewöhnt ist, aber sie wird dann auch schneller müde und freut sich auch, wenn sie sich mal hinlegen kann, und freut sich tatsächlich auch, wenn man ihr dann Angebote macht und sie darf dabei liegen und ist auch aktiv dabei, trotzdem, bei den Angeboten, die sie bekommt. Das ist Annie, die einfach noch mal – für sich ist, noch mal nachdenkt: Sie weiß, dass ich da bin, ich sitze neben ihr, aber sie denkt noch ein bisschen über die Situation nach. Man sieht, dass sie sich freut. Ich hab die Sequenzen doch etwas zu lang gemacht – das ist Annie bei einem ihrer Lieblingsfächer, oder zumindest, na ja, das stimmt gar nicht, aber sie geht sehr gerne zur Ergotherapie. Leider, wie gesagt, ich bin einfach wirklich schlecht im Filmen: Ich habe filmen wollen, dass sie mit der Lehrerin verhandelt hat darüber, dass sie nicht laufen wollte, und dann durfte sie in den Therapiestuhl. Jetzt ist sie in dem Therapiestuhl, was man aber sieht: Sie hat die ganze Zeit das Piktogramm in der Hand, das heißt, die ganze Zeit weiß sie, wo es hingeht, was passiert. In früheren Situationen hatten wir das durchaus auch, dass wir sie mitgenommen haben zum Unterricht, und dann hat sie sich gehauen, sie hat geschimpft, sie ist mit dem Fuß aufgetreten – sie ist nicht fremdverletzend, sie ist tatsächlich autoaggressiv, aber dann wird sie manchmal wirklich – hat sie am ganzen Körper blaue Flecken gehabt. Und da ist die Situation zu Ende – das hab ich leider auch nicht mehr filmen können –, wir haben es im Stundenplan dann ausgetauscht gegen ein neues Objekt, und auch kommuniziert: Jetzt ist die Ergotherapie fertig. Und sie hat dann – sie ist ganz begeistert und ohne Probleme die neue Aktion akzeptiert. Sie ist gerne in ihrem Zimmer, muss man dazu auch wissen, und dann war sie früher auch oft nicht da rauszubekommen, aus ihrem Zimmer. Jetzt kommt sie mit, sie findet den Weg selbständig, geht zu ihrem Platz, weiß, was sie erwartet, und sie sucht das Essen, das nicht da steht – das passiert ganz oft, dass es halt schon da steht, da hat sie sich dann auch oft gehauen. Jetzt – genau, das hat sie jetzt nicht gesehen, dass ihr von gegenüber die Gabel angereicht wurde, deswegen hab ich sie hier ein bisschen unterstützt, und dann isst sie selbständig. Das ist jetzt ein Angebot, was sie bei uns in der Lehrwerkstatt bekommt – das haben Sie vorhin auf der Folie gesehen, dass das zu unserem Bildungszentrum dazugehört. Dort kann sie unterschiedliche Tätigkeiten machen, und sie ist da tatsächlich manchmal sehr ungeduldig, also sie mag nicht immer die gleichen Sachen machen, und bekommt darum von der Lehrkraft, die dort zuständig ist, unterschiedliche Materialien angeboten, und macht das dann auch selbständig, und sie ist wirklich visuell sehr interessiert, das kann man hier auch noch mal sehen. Und man sieht auch, was ich einfach toll finde: In diesen Momenten ist sie sehr viel ausgeglichener, sie ist – und ja, sie ist einfach ein bisschen entspannter. Ich würde jetzt nicht so weit gehen zu sagen, sie ist glücklicher, das kann ich nicht beurteilen, aber ich glaube, sie ist einfach entspannter im Alltag. Und ich hoffe, dass – das ist so das große nächste Ziel – dass sie die Piktogramme, die sie bekommt, dann auch dazu nutzen kann, um selbst zu sagen, was sie machen möchte. Eine ganz kurze Ergänzung noch, weil das ist mir total wichtig: Wir haben den Eindruck – das ist natürlich immer alles subjektiv –, aber wir haben den Eindruck gehabt, dass sie früher, wenn ihr etwas gebärdet wurde, dass sie schon auch verstanden hat, was von ihr erwartet wurde, aber sie hatte so einen hohen Erwartungsdruck, und sie konnte halt nicht Nein sagen, und sie hat sich nicht getraut zu diskutieren. Und deswegen war diese Szene, wo sie mitgegangen ist und dann aber gesehen hat, okay, guck mal, hier steht aber mein Therapiestuhl, vielleicht kann ich damit ja fahren – das hat sie vorher nur ausgedrückt, gedrückt, um in Autoaggression – und jetzt hat sie, ist sie da sehr viel ruhiger in der Rangehensweise, und sie hat das Vertrauen, dass sie dann auch verstanden wird und dass es auch okay ist, es anders zu machen. ── Fallbeispiel Mila: Morgenroutine und Kommunikationsentwicklung ── **Vikram Jordri:** So, ich wollte nur sagen, ich habe auch hier ein Videobeispiel – so, ich spreche nebenbei auch: Das ist meine Schülerin, die ich gerade – hab ich so gefilmt, das Video, als Aufstehen in die Schule, erste Stunde. Sie ist gerade aufgestanden mit der Erzieherin, und geht sie erstmal zu unserem zweiwöchigen Schlafrhythmus-Plan – das hängt hier, und sie nimmt ein Bett – dass sie sind, die alle sind, die so viele Betten – und die nimmt ein Bett als eine Matratze weg und packt sie, und dann weiß ich, okay, ich muss eine – nächste hier schlafen, und dann gehe ich nach Hause zu meinen Eltern. So, das ist eins – was wir gerade jetzt mit dem Kollegen der Erziehungsdienst da machen. Ja, und dann – und jetzt wurde da gebärdet, jetzt gehen wir erstmal was – nein, sie will was anderes, sie will diskutieren. Ja, wie alle normalen Schüler, morgens: Kinder, die wollen nicht in die Schule gehen, ja. Und dann, nach der kleinen Diskussion, würde erstmal morgens – wo ist mein T-Shirt, wo ist meine Hose – in dem Raum, hier, die sind alle an verschiedenen Stellen. So, das ist ein bisschen taktil so ausgedacht: Mein – deine Socken sind da, mein T-Shirt ist im Schrank – das bisschen verteilt, nicht alles ist in einem Schrank, weil so weit ist sie noch nicht, in einem Ordnungssystem. Und was ich auch merke, hier auch in dieser Sequenz, dass sie – die will auch hier auch Wünsche äußern kann und darf: Was will ich anziehen in die Schule. Und da wurde auch diskutiert, diese Hose, dieses T-Shirt. Und da fangen wir erstmal in unserer Schule, weil wir eine Internatsschule sind, mit Unterricht – das ist mit dem Erziehungsdienst und den Lehrkräften zusammen, als ein großer Lerneffekt. Das ist lebenspraktische Fähigkeiten – das kann ich als Lehrkraft morgens vormittags nicht da sein, davor hat meine Kollegin vom Erziehungsdienst das Anziehen, alleine Aussuchen der Kleidung – sodass diese kurze Sequenz von „get ready with me" vor die Schule. Ja, ich denke, das Video ist viel schöner als – das ist, ich denke, es ist mal visueller, und besser, als wenn ich einfach Taubblindheit vorstellen kann, ist es besser, wenn ich einfach zeige. Sie ist 14 Jahre alt, und sie ist bei uns seit August, so nicht so lange, hier erstes Schuljahr, ja. Wo sie früher hart war, gab's sehr viele Schwierigkeiten und Kommunikationsschwierigkeiten, und sehr viel Aggression und Autoaggression. So, ja, jetzt geht's bei der Frühstückssituation: aus, selbständig auch essen mit Gabel und so, und das haben wir auch angefangen, weil früher hat sie einen Button gehabt – die wurde alles sondiert. So, wir haben angefangen mit einem festen Nahrungsmittel, das ist unser nächstes Ziel – sie hat seit zwei Monaten, so einem Monat, ist sie jetzt erstmal Nutellabrot bei uns, sehr gerne. Danke, ja. Und da merkt man, meine Kollegin hat sich so gefreut, weil sie Nutellabrot gegessen hat und nicht dispergiertes Essen die ganze Zeit. ── Weitere Praxiseinblicke: Sinnesförderung im Unterricht ── **Vikram Jordri:** Das noch mal in den Sequenzen, Stundenplan – das ist bei ihr, bei meiner Schülerin, im Zimmer, da ist hinten in dem Bett – so, das ist immer da, die – diese Objekten sind immer da, die sind nicht weg und in Box und versteckt. Und so, fang ich an: Das ist Armband, das bin ich – so, ich nehme, wenn ich meinen Unterricht anfange, meine Ankündigung, dass ich hier, in meinen Arm hier auch habe, das bin ich, wir nehmen das raus, ich mache mit dir etwas. Und so, ja, und wir haben da oben so eine Glasflasche – Recycling, wir bringen unsere Glasflaschen weg, weil sie muss in Bewegung, bisschen etwas – wer lernt, sitzen und lernen ist schwierig. Und da gehen wir einfach raus mit diesen Objekten, ich und eine Glasflasche mit Vikram. Und da haben wir angefangen – ich denke, im Dezember haben wir mit diesem Unterricht in Reihe angefangen, mit dem Glasflaschen-Wegbringen. Ich wusste auch nicht, ob sie das schaffen kann, und haben wir probiert, und sie hat verstanden, so wirklich – und das wirklich taktil, hat sie die ganze Arm da rein, und so gefühlt. Und das ist jetzt hier – stecken, sie hat das noch nie gesehen, so das war das erste Mal bei uns: Okay, was ist das, dieses Objekt, wo geht die Glasflasche rein. Ich denke, alle müssen was tun für die Umwelt, und mir – Leni, unsere Schule macht auch was für die Umwelt, machst du auch, ja, das. Und jetzt sind wir fertig, und das ist der taktile Humor: Da reinstecken, Tasche, fertig. Das finde ich lustig, weil die Tasche ist weg, in die – in die Jacke rein, so ne – weil nur „fertig" zu gebärden, da hat keine Emotion, das ist keine Bedeutung, da muss man ein bisschen taktilen Humor mitbringen, so bisschen. Das ist zum Beispiel, nächste Stunde, in einer unserer Unterricht, in der Musikstunde – ich, leider haben wir das den Gruppenstunde, ich hab keine Fotoerlaubnis, nicht die ganze Gruppe zeigen. Das ist für unsere Schule in Musik: Ablecken, orales Erkunden – das ist alles diese sensorische Information, die ich kriege von meinem Mundbereich. Und so sind alle Spielgeräte bei uns erstmal probiert, ja, sie hat eine – wie heißt das, dieses Gerät, auf Deutsch – was ist das, Tisch – Tischharfe, das ist eine kleine Gitarre, und sie leckt das, und das sind aus Strings, und sie probiert das mit Zunge und Lippen, und alles ist so wirklich taktil, auf einer oralen Ebene, so ne, so. Der nächste Video ist, jetzt zum Beispiel, sie ist in unserer Turnhalle, unser Unterricht, und da ist sie gerade – läuft sie auf einer Bank, und an einer Wand entlang, einer sehr taktilen Wand entlang. Nächste Stunde Unterricht, sagt sie, klettert sie hoch, wirklich alleine, auf einer Leiter, und dann sie ist voll taubblind, geburtstaubblind, hat noch nie das gesehen, und dann muss sie da unten rutschen, auf dieser Bank so eine Rutsche – so, dass alles ist auf emotionaler Ebene vorbereitet, was sie jetzt heute sieht. Das hat ein Jahr gedauert, das war nicht nur heute so, und diese Beziehung ebnet – okay, und dann die Sportlehrerin, die hat auch jede Woche eine Beziehung, machen wir das gleiche, kleine Schritte. Und jetzt zum Beispiel, auf Balancieren – weil sie hat aus Spastik mit dem Laufen, die war im ersten Lebensjahr in einem Rollstuhl und einer Schubkarre, geburtstaub – hat sehr spät laufen gelernt, das war ein großes Thema. Und da zwischendurch mussten auch diese Lerneinheiten Spaß haben, so diese taktile, so wackeln, diese Bank – das sind alle Effekte, die reingebaut sind. Es ist zum Beispiel jetzt, ist sie so weit aus unserem Sportunterricht, dass sie kann alleine auf die zwei Ringe hängen lassen kann, und das war vor uns – oh, oha, das geht auch, das. Und jetzt, danach gibt's manchmal auch Pausen, geht sie in – bei uns in diesen Massage-Sessel, sehr taktil, liegt sie dahin in dem Massage-Sessel als Pause von der anstrengenden Schule. Das war so ein großer Blick in den Alltag, in die Schule bei uns, mit zwei Beispielen. Danke. **Ines Aschenbrenner:** Ja, genau, zwischendurch konnten Sie zum Beispiel auch die Wand sehen von der Turnhalle, die taktil erfahrbar ist. Genau, ja, ja, danke schön. Mehr Informationen finden Sie unter sightcity.net/F032004. Vielen Dank und bis zur nächsten SightCity, tschüss. ────────────────────────────────────────── Mehr Informationen: https://sightcity.net/F032004