Die Woche mit allen Sinnen: Das multisensorische Wochentagsobjektesystem Forumsbeitrag | SightCity Forum 2026 Referent: Vikram Choudhary, Bildungszentrum Hören Sehen Kommunikation (BiTS), Deutsches Taubblindenwerk Datum: 28. Mai 2026 Vortrag-ID: F032005 Weitere Informationen: https://sightcity.net/F032005 Hinweis: Deutsch ist nicht die Muttersprache des Referenten; seine Sprechweise wurde bewusst nicht geglättet, um seine Stimme authentisch wiederzugeben. ────────────────────────────────────────── ── Begrüßung & Demonstration: Ein Objekt zum Anfassen ── Herzlich willkommen zum Mitschnitt des Forums vom 28.05.2026: „Die Woche mit allen Sinnen – das multisensorische Wochentagsobjektesystem." Referent: Vikram Choudhary. Viel Spaß mit dem Vortrag, bis zum nächsten Mal. **Vikram Choudhary:** Also, multisensorisch Wochentagsobjekte – was meine Kollegin gerade zeigt, ist in die Objekten – und ich habe eine kurze Frage: Wir sind alle hier heute, was ist heute ein Tag? Woher, woher wissen Sie das alle, dass Donnerstag ist, dass wir alle haben das Verständnis, dass heute Donnerstag ist? Woher wissen Sie das, woher? Ja, ja, wir haben dieses Zeitgefühl, und das war unsere Idee: Unsere Schüler und Schülerinnen sollen auch ein Zeitgefühl haben – nicht montags Schwimmen und dienstags Reiten, sondern das sind Aktivitäten, das sind keine Tage. Ja, und das war unsere Idee, die unsere Schüler brauchen, ein System vor die Tage, so. Wir haben dann erstmal – wie lernt man das, diese Tage? Sie haben schon gesagt: so Routine, Erfahrung. Montag ziehe ich mein Hemd an, gehst du arbeiten, mit den Leuten erzählen uns im Alltag die Sachen – so, wir haben einfach mit Hilfsmitteln und Routine eine Erfahrung von Zeit und Wochentag, so ein System, ja. Wir lernen das von unserem – vom Sozialumfeld, andere Menschen. Ich denke, das ist – meine Kollegin, das ist das, was sie gerade macht mit Objekten, ja, aber ich geh erstmal weiter, das ist nicht schlimm. Wir haben das übernommen, dass wir wollen etwas zurück – okay, nein, mach ruhig schneller, wir hängen in der Zeit. **Ines Aschenbrenner:** Ich wollte nur ganz kurz sagen, was ich hier vorbereite, für die, die es vielleicht nicht sehen: Ich bereite gerade die Bezugsobjekte vor, gemeinsam mit kleinen Gläsern – in den Gläsern befinden sich Dübel, die Dübel werden normalerweise in diese Bezugsobjekte reingesteckt. Sie können die gleich gerne mal in die Hand nehmen und ausprobieren, und wir geben die während des Vortrags rum, damit Sie einfach ein Gefühl dafür kriegen, wovon wir jetzt reden. **Vikram Choudhary:** Und wir haben uns einfach die Mühe gemacht, dann noch so den theoretischen Hintergrund zu erläutern – das sind halt die Folien, die wir jetzt dann einfach ein bisschen schneller durchgehen, wir gehen weiter. ── Warum Wochentage für Taubblinde schwer zu greifen sind ── **Vikram Choudhary:** Problem ist, dass jeder Schüler bei uns hat einen individuellen Stundenplan. Die individuellen Stundenpläne bleiben auch individuell, die haben kein gemeinsames Gefühl für Zeit – so, einer hat so ein Netz, einer hat so, einer hat so, und da ist leider kein übergreifendes, gemeinsames Zeitgefühl. Weil, was wir heute haben, ist Donnerstag, haben sie nicht – und das wollen wir ändern. Dann haben wir – diese Diversität abzudecken, alle die Kanäle, die wir haben: sehen, hohen visuell, olfaktorisch, alles genommen, was man an Sinnen hat, und das ist dann ein Tag – zum Beispiel, sagen wir, was ist Montag. Ich sag auch hier einfach dann – geh ich weiter. ── Die Entstehung: Von der Louis-Braille-Schule zum eigenen System ── **Vikram Choudhary:** Oh, und bevor wir vergessen: Diese Idee kam ursprünglich von der Louis-Braille-Schule – da war meine Kollegin, und da in der Blindenschule hatten sie diese 3D-Objekte mit Punktschrift. Wir sind noch ein bisschen weiter gegangen, mit 3D-Objekt mit Buntstift und Duft und auditiv – was, so, da haben wir bisschen, weil bei unserer Schule sind hauseigene – wir haben alles genommen, was da vorhanden ist. Und da haben wir angefangen mit 3D-Objekt, mit der Leibniz-Uni in Hannover, als ein Projekt, und das war die erste Version von unseren Objekten, so zu testen, ja. Danach sind diese Objekte geworden – bisschen, wie Sie hier sehen, diese Objekte sind nicht barrierefrei, die sind nicht auf so Low-Vision-technisch – mal weiß und rot, das war noch nichts. Da war eine lange Reise, bis wir entschieden haben: Okay, wir bleiben auf Metacom-Symbole, weil Montag in Metacom eine Farbe ist, Dienstag, Mittwoch, und die sind auch international. So, diese – die Wochenfarben haben wir als Basis genommen von unseren Objekten, und haben wir kombiniert, diese Farben mit einer Struktur – so, jeder Objekt hat, ist eine andere Form, jede Form, und hat einen anderen Duft auch, das kommt auch gleich. So, so ist dann, um es enden – dieses ganze Objekten-Wochensystem geworden, so, ja, wie Sie hier sehen, ja, ja, ja, ja. ── Aufbau des Objekts: Form, Farbe, Duft und Struktur ── **Ines Aschenbrenner:** Okay, jetzt muss ich mal ganz kurz gucken – genau, das ist die derzeit verwendete – die derzeitige verwendete – denn ursprünglich sah das mal so aus, dass es wirklich ein ganz grobes Zeichen war. Die Idee war, wir haben bei uns ein olfaktorisches Konzept in der Schule gehabt, also dass die Tage Düfte hatten – das war aber nicht in allen Gruppen so. Und dann, wie mein Kollege schon gesagt hat: Wir haben die Tage ganz oft für die Schüler nicht die gleichen Marker. Das heißt, das, was wir im sozialen Lernen lernen, durch Wiederholung der Eltern, durch immer wieder neue Dinge, die immer am Montag zum Beispiel passieren, die man sich merken kann, haben diese Begrifflichkeiten für alle irgendwann die gleiche Bedeutung – das ist eben Montag, Montag fängt man zum Beispiel mit der Arbeit an, und Freitag hört man meistens auf, und dann kommt das Wochenende, da ist meistens frei. Und solche Dinge sind aber für taubblinde Menschen ganz oft schwer mit Inhalt zu füllen, und darum ist diese Begrifflichkeit auch so schwer eindeutig festzumachen. Und wir haben uns einfach, wegen der Diversität unserer Schülerschaft, überlegt: Wie können wir das Ganze in einem Objekt zusammenfassen, dass alle unsere Schüler – die, die noch ein bisschen sehen können, die zum Beispiel Breitschrift lesen können, die vielleicht die Schwarzschrift lesen können, wie die Farben sehen können – wie können wir dieses Objekt so multidimensional, so multisensorisch zusammen erschaffen, dass alle davon etwas mitnehmen können? Und das war die Idee dahinter. Wir haben zum Beispiel auch eine Öse befestigt, die kann man – oben, unten ist ein rundes Loch, in dieses runde Loch kommt der Dübel, der Dübel riecht nach dem Tagesduft, und dann ist oben eine Öse befestigt, und an dieser Öse – das ist unsere Idee – kann man auch noch ein auditiv oder ein vibratorisch erfahrbares Objekt befestigen. Wir sind zurzeit auch in Gesprächen mit einer Professorin an der Universität Kopenhagen, und die ist spezialisiert eben auf Objekte, die multisensorisch erfahrbar sind, beziehungsweise vibratorisch erfahrbar sind, und vielleicht gibt es sogar die Möglichkeit, das auch noch in diesem Objekt irgendwann zu integrieren. Hier sieht man zum Beispiel: In einer Morgenkreisrunde sind zwei Schüler, die erfahren dieses Objekt gerade, die tasten es ab, die riechen das Objekt, und die haben jetzt also einen Begriff davon: Das ist Mittwoch. Mittwoch riecht nach Cajeput – das ist so, werd ich immer wieder gefragt: Das ist so ein Duft, der ist in der Nähe von Teebaumöl angesiedelt, riecht aber ein bisschen angenehmer. Der Mittwoch ist blau, das ist eine Hexagonform und hat ein gelbes Dreieckmuster. Und hier sieht man zum Beispiel ein anderes Kind, das dasselbe Objekt auch wahrnimmt, auch in diesem Morgenkreis, aber mit den Füßen wahrnimmt – kann es auch riechen, kann es auch ertasten. ── Musikinstrumente als weiterer Sinneskanal ── **Ines Aschenbrenner:** Das haben wir hier zum Beispiel auch – bei uns in den Klassen haben wir Objekte auch mit Musikinstrumenten verbunden: Zum Beispiel Montag ist das Vibraslap, und Dienstag ist Becken, und Donnerstag ist eine Trommel – sodass die Objekte haben auch einen Klang. Und das ist so kombiniert, so, und das ist unsere Kiste – das Freitag ist so, was heißt das, Cabasa – so, das ist ein sehr taktiles Musikinstrument, hat auch einen Klang, für jeden Tag, ja, ja. Dann haben wir das auch präsentiert – zweimal schon, genau: einmal auf der Deafblind International Asia Conference haben wir das vorgestellt als Poster, und letztes Jahr waren wir auf einer Tactile-Reading-Konferenz in Amsterdam, da haben wir unsere Objekte vorgestellt. Wir finden das ganz toll. Hier können Sie noch mal sehen, wie das Ganze dann in der Praxis aussehen kann, dass zum Beispiel ein Plan mit verschiedenen Reizen noch mal – ein zusätzliches System, jetzt mit dem Würfel ist hier gewählt worden, dann noch mal in den passenden Zeiten – noch mal das Ganze ist also noch mal ein bisschen verdeutlicht worden, was uns einfach wichtig ist, wie wir das vorhin im vorherigen Vortrag auch schon erwähnt haben: dass die Taktilität einfach wichtig ist. ── Ein inklusives System für jede Seh- und Hörbehinderung ── **Ines Aschenbrenner:** Ich denke, das muss ich sagen hier kurz, dass unsere Schule Bandbreite ist von geburtstaubblind bis zu einer, der Sehrest hat, Hörrest hat einer, ist ja sehr kompetent, und dieses inklusive Setting: Die Zeit ist inklusiv, Zeit ist für alle gleich, es ist Montag. So, einer, der lesen kann in Braille, da ist in Braille Montag; einer, der kann nur O&M, da ist O&M; einer kann nur in der Hand festhalten, da ist seine Hexagon; einer kann nur riechen, ja, da ist ein Duft; und einer hat CI und kann – okay, Montag klingt nach, keine Ahnung, Gitarre. So, wir haben alles, was es gibt, ein inklusives Wochentagssystem zu – drehen. Und da können die Lehrkräfte in den normalen Grundschulen nicht sagen: Oh nein, ich habe nur ein Kind mit Blindheit, einer mit Gehörlosigkeit, wie kann ich denn einen Stunden-Wochenplan machen? So, das ist der Wochenplan inklusiv, so bisschen. Genau, und dann, auch von dem konkreten Objekt, könnte man auch wieder weiter in die symbolische Ebene reinsteigen. Und zusätzlich wird zum Beispiel der olfaktorische Reiz auch noch mal dadurch unterstützt – jetzt red ich schon wieder so schnell –, dass Diffusoren bei uns in den Gruppen sind, und dann wird der Duft auch noch mal über die Luft verbreitet. Das heißt, man kommt in den Raum rein, und man riecht schon: Ah, heute ist der Orangen-Tag. ── Kooperation mit der Universität Kopenhagen und Ausblick ── **Ines Aschenbrenner:** Ja, wir wollen das nächste Mal auf der Nordic Conference, auf der Deafblind Conference in Kopenhagen, das vorstellen, und wir wollen sehr gerne auch mit Leuten, die weiterentwickeln wollen, mit uns auch ins Gespräch gehen und auch testen. Weil wir finden es gut, aber was fehlt, zum Beispiel, ist Haptik – da ist kein Vibrationsteil, das würde ich wie – auch lieber haben, da ist kein Gewicht drin, so: Montag ist leichter, Freitag ist sehr schwer, oder umgekehrt, so was, genau. Das wollen wir auch gerne testen, und da sind wir gerade in Gesprächen mit der Universität in Kopenhagen, und da gibt es auch Interesse, das noch mal weiterzuentwickeln. Danke. Genau, wenn Sie Fragen haben, wenn Sie Ideen haben, wenn Sie mit uns kooperieren wollen, wenn Sie die Bezugsobjekte gerne haben möchten, um sie auszuprobieren bei Ihnen in der Einrichtung, können Sie uns jederzeit eine Nachricht schicken. Wir freuen uns. Ja, danke schön, danke schön. ── Publikumsfragen ── **Moderation:** Vielen Dank an Sie beide. Wir hatten eine Frage aus dem Chat, bevor wir die vergessen, möchte ich die ganz gerne noch mal fragen. **Vikram Choudhary:** Ja. **Moderation:** Also, die Frage lautet: Wird Braille bei Schülerinnen und Schülern, bei denen eine TBL (Taubblindheit) vorliegt, [noch vermittelt], oder wird das heute anders gemacht? **Vikram Choudhary:** Ja, gute Frage. Das ist abhängig davon, wann – wenn war der richtige Zeitpunkt von Taubblindheit: Wann haben wir sie kennengelernt? Hat sie ein Konzept vom ABC – nur dann können wir [Braille lernen]. Hat sie kein Konzept vom ABC, dann fangen wir mit Gebärden an, taktile Gebärden. Wenn sie da auch nicht [ankommt], dann fangen wir mit Bezugsobjekten an. Natürlich, Ziel ist [Braille], aber das ist abhängig davon, wann haben wir sie kennengelernt, und der Zeitpunkt von der Feststellung von Taubblindheit, ja. **Moderation:** Also, was ich ganz – vielen Dank erstmal – was ich ganz interessant oder wichtig fand, dass Sie auch noch mal erwähnt haben, dass Sie fast ein Jahr gebraucht haben, um Ihrer Schülerin wirklich diese ganzen Inhalte nachzubringen, dass es also nicht von heute auf morgen geht, dass es also auch viel über Vertrauen ist, ne, genau anschauen, wie weit ist die Schülerin oder der Schüler. Und das finde ich noch mal, diesen zeitlichen Aspekt finde ich noch mal ganz, ganz wichtig, weil ich denke, mir, das wird auch oft unterschätzt, ja. **Vikram Choudhary:** Ja, genau, also es dauert sehr lange. **Moderation:** Da haben wir auch eine Frage – ich komm mit Mikro. **Frage aus dem Publikum:** Okay, eine kurze Frage: Welche Erfahrung habt ihr denn mit den taktilen Objekten – ich mein, der Mini-Nachteil ist, es ist genau wie eben, wie er meinte, das Miniaturpferd: Das ist halt alles aus dem 3D-Drucker, und die Taktqualität vergleicht, ne? **Ines Aschenbrenner:** Ja, genau, also wir haben jetzt zurzeit die multisensorischen Bezugsobjekte in verschiedenen Gruppen bei uns verteilt, wir haben auch zwei Gruppen, wo wir sie außerhalb der Einrichtung verteilt haben. Und wir sind ganz froh, dass wir jetzt mit der Universität Kopenhagen zusammenarbeiten, weil wir dann ein Evaluationsteam zusammenstellen können – weil die Evaluation haben wir noch nicht geschafft, ja, wir sind halt Lehrkräfte hauptsächlich, und das läuft alles so nebenbei, und das ist so nebenbei total schwierig, das dann wirklich wissenschaftlich mit Hand und Fuß zu untermauern. Und wie in den Gruppen, wo es getestet wird, gerade dort, wo die Kinder eben mehrfach beeinträchtigt sind, merken wir, dass das ein größerer Gewinn ist und die Kinder davon profitieren. Ich kann nur berichten von – ja. **Moderation:** Ja, ich hab das eben gerade in der Reaktion schon messerscharf gemerkt. Danke schön, danke schön. **Ines Aschenbrenner:** Aber großes Ziel ist bei uns, oder für mich das Idealziel, dass diese Objekte draußen bei der Schule hängen, und wenn man draufdrückt, dann kommt ein Duft raus und kommt ein Jingle, so, ein Sonntag-Jingle ist – dass so alles draußen, direkt beim Eingang ist. Ich muss gar nicht mehr Unterricht machen, die wissen das: Information Montag direkt beim Eingang. **Moderation:** Danke schön, ja, vielen herzlichen Dank euch beiden. Wir hoffen, der Vortrag hat Ihnen gefallen. Mehr Informationen finden Sie unter sightcity.net/F032005. Vielen Dank und bis zur nächsten SightCity, bis dann. ────────────────────────────────────────── Mehr Informationen: https://sightcity.net/F032005