Lukas die Welt verstehen und begreifen: O&M-Training mit einem taubblinden Jugendlichen Forumsbeitrag | SightCity Forum 2026 Referent: Jürgen Pavelka, Orientierungs- und Mobilitätslehrer, Blindeninstitut Würzburg Datum: 28. Mai 2026 Vortrag-ID: F032006 Weitere Informationen: https://sightcity.net/F032006 ────────────────────────────────────────── ── Begrüßung: Lukas begrüßt selbst in Gebärdensprache ── Herzlich willkommen zum Mitschnitt des Forums vom 28.05.2026: „Barrieren überwinden – Erfahrungsbericht einer Orientierungs- und Mobilitätsschulung mit einem taubblinden Jugendlichen im Blinden-Institut Würzburg." Referent: Jürgen Pavelka. Viel Spaß mit dem Vortrag. **Jürgen Pavelka:** Ja, hallo zusammen. Mein Name ist Jürgen Pavelka, ich sag gleich mal was zu mir, aber der Lukas hier, mein – einer meiner Klienten – möchte ein Begrüßungswort gebärden. Danke. **Lukas** (übersetzt von Jürgen Pavelka)**:** Ich bin Lukas, mein Name. Und ich – alleine üben, laufen, helfen der Jürgen mit'm Langstock ins Dachgeschoss nach oben. Okay. Viel Spaß beim Zuhören. **Jürgen Pavelka:** So, genau, das war das kurze Begrüßungswort vom Lukas, über den ich jetzt die nächste halbe Stunde was erzählen werd. ── Wer ist Lukas? Diagnose und Ausgangssituation ── **Jürgen Pavelka:** Ja, mal kurz zu mir, gesagt: Mein Name ist Jürgen Pavelka, ich bin von der Erstausbildung Heilerziehungspflege, arbeite jetzt seit 29 Jahren im Blindeninstitut in Würzburg, 25 Jahre im Gruppendienst, hab 4 oder 5 Jahre auch Erfahrung im Taubblindenbereich mit unterschiedlichen Klienten, die taubblind geboren wurden. Den Lukas kenn ich jetzt seit 2 Jahren, und ich arbeite einmal die Woche mit ihm, anfangs 45 Minuten, inzwischen sind wir bei fast 2 Stunden, und er wird wahrscheinlich noch länger aushalten, aber mir reicht's nach 2 Stunden mit ihm. Und ja, ich hab den Titel des Vortrags auch gegeben: „Lukas – die Welt verstehen und begreifen", weil der Lukas ist ein extrem neugieriger junger Mann, der eine sehr große Lust hat, diese Welt zu verstehen und im wahrsten Sinne zu begreifen. Er ist sehr viel taktil unterwegs, er will die Welt einfach verstehen und ist permanent auf der Suche nach Input. Und er bleibt jetzt auch nicht beim Vortrag, weil er will die nächsten drei Stockwerke anschauen – er ist nämlich seit zwei Stunden erst auf Stockwerk eins, und er will jetzt mehr sehen, genau. Ja, wer ist Lukas: Der Lukas ist im Jahr 2010 taubblind geboren, das heißt, er ist jetzt 16 Jahre alt. Auf'm rechten Auge hat er 0 Lux, also keinerlei Lichtscheinwahrnehmung, linkes Auge 0,02 Visus, also gesetzlich blind. Er hat mit 4 Monaten ein Cochlea-Implantat gekriegt – wusste ich nicht, dass das schon so früh geht, aber die Gehörschnecke ist in dem Alter schon ausgewachsen und wächst nicht mehr weiter. Seine erste Reaktion auf akustische Reize hat er mit 8 Jahren gezeigt. In unsere Einrichtung in Würzburg kam der Lukas mit 2 Jahren und 9 Monaten. Zu dem Zeitpunkt konnt er nicht laufen oder krabbeln, er war in Rückenlage, hat sich mit den Füßen vorwärts geschoben, oder ist im Schneidersitz vorwärts gerobbt. Und alle Mitarbeiterinnen, mit denen ich gesprochen hab, sagen alle: Er hat zu dem Zeitpunkt immer schon alles ausgemessen – also zu dem Zeitpunkt noch mit Armen, keine Ahnung, das ging von Fensterrahmen, wie breit ist das Ding, wie hoch ist es. Und das macht er immer noch, inzwischen macht er das aber mit'm Langstock. Und genau, zu laufen hat er begonnen mit 7 Jahren, da aber auch nur mit Personenkontakt oder an der Wand entlang. Das haben Sie jetzt vielleicht auch gesehen, wie er hier auf die Bühne kam: Der Lukas hat ein unsicheres Gangbild, es ist auch nicht ganz klar, woher das kommt, ob's daher kommt, dass das so lang gelegen war, oder ob's neuronische Ursachen hat – das ist nicht ganz klar. Das ist auch so ein Thema von unserer Arbeit, Lukas kleine Strecken alleine laufen zu lassen. ── Der aktuelle Stand: Sprache, Zeitgefühl und Rechnen ── **Jürgen Pavelka:** Wie gesagt, das ist jetzt seine bisherige Biografie, was da gelaufen ist. Der jetzige Stand vom Lukas ist: Er hat einen Gebärdenwortschatz von mehreren tausend Gebärden – den hab ich nicht. Der Lukas passt sich aber meinem Niveau an, also ich hab – ja, ist wirklich so, also er spricht mit mir in Drei-Wort-Sätzen. Es war zum Beispiel jetzt am Dienstag, hatte ich eine Einheit mit ihm – ich kann die Wochentage nicht gebärden, ich weiß, das ist der Dienstag –, der Lukas hat mir irgendeine Gebärde gezeigt und hat gemeint: fahren in die große Stadt, in die Schaustadt. Ich kann aber die Gebärde von Donnerstag nicht, deswegen hat er mir gebärdet: noch zweimal schlafen. Wie gesagt, also er passt sich da mir an, oder überhaupt seinem Gegenüber. Der Lukas liest und schreibt die Punktschrift, er kennt das Fingeralphabet, und er hat ein komplettes Verständnis von Zeit – also wirklich von Minuten, Stunden, Tagen, Wochen, Monaten und Jahren. Also ich kann auch mit ihm vergangenen Dienstag ausmachen, was wir in 14 Tagen machen zusammen. Nur so ein Beispiel: Seine Physiotherapeutin hat ihm mal gebärdet, dass sie jetzt 9 Monate in Sabbatjahr geht. Er ist daraufhin in sein Zimmer, hat sein taktiles Geländer abgetastet, hat ihr dann gebärdet, wie viel Tage sie weg ist und an welchem Datum sie wiederkommen wird. Also, und wer jetzt mal mit taubblind geborenen Leuten gearbeitet hat, sieht, was für eine unfassbare Fähigkeit das ist, die der Kerl hat. Er rechnet im Tausenderbereich – seine Lehrerin, die inzwischen jetzt in Rente gegangen ist, hat gemeint, in dem Moment, wo er den Zehnerschritt verstanden hat, war es ein Selbstläufer. Genau, ich hab jetzt – also ich hab lange überlegt, wie ich diesen Vortrag vorbereit, und hab eigentlich versucht, meine Arbeit mit ihm in eine PowerPoint zu pressen, sag ich mal. Nach einer Woche hab ich dann gemerkt, das klappt irgendwie nicht, und ich hab mich jetzt entschlossen, relativ viel frei bei Ihnen zu erzählen. Und ich hab ein paar Videos mitgebracht, um einfach mal zu zeigen, grad für Leute, die sich mit O&M auskennen, was für Fähigkeiten er einfach hat. Ich muss dazu sagen, ich bin ja mit ihm allein im Unterricht, ich film das Ganze mit Handy, ich muss teilweise schnell sein, und deswegen ist es manchmal ein bisschen verwackelt, aber ich glaub trotzdem, dass es beeindruckend ist. ── Videobeispiele: Vom Stiftungsgelände in die Stadt ── **Jürgen Pavelka:** [Videoausschnitt:] Da bin ich mit dem Lukas in der Werkstatt vom Blindeninstitut. Der Lukas ist hier in so einer Umkleide, er war noch nie vorher in diesem Raum. Er langt einmal kurz an die Garderobe, und er gebärdet mir sofort: Jacke anziehen. Also gut, dann versuch ich jetzt mal, wegen [der Videoprobleme] zu improvisieren. Ich hab jetzt 5 verschiedene Videos vom Lukas, die relativ gut widerspiegeln, was ich die letzten 2 Jahre mit ihm gemacht hab. Also, es ging los: Ich hatte eine recht lange Einarbeitung durch die vorherige O&M-lerin, die hat mich wirklich – ich glaub, die hab ich noch 6 Monate begleitet, wöchentlich, was wirklich traumhaft war, so eine Übergabe zu kriegen. Und ich hab mit dem Lukas angefangen auf'm Stiftungsgelände – wer das Gelände in Würzburg kennt, es ist: Wir haben 20 verschiedene Wohnhäuser und Schulhäuser, Gebäude. Es ist auf den Wegen nix Taktiles, um die Häuser zu unterscheiden, wir haben da Aufmerksamkeitsfelder oder Kopfsteinpflaster, aber ansonsten wird's dann auch schon mau, auch was akustische Dinge betrifft, es ist kein Straßenverkehr außenrum. Das Gelände ist sehr kurvig, und ich hab jetzt in meiner zweieinhalbjährigen Laufbahn im Blindeninstitut zwei Klienten kennengelernt, die das Gelände können – der Lukas ist einer davon, und der ist taubblind. Ich weiß nicht, wie er's macht: Also wir laufen über's Gelände, er gebärdet wieder mit mir, und ich frag ihn, wo bist du, und er sagt mir das Haus, wo wir grad stehen. Das Ganze schafft er sogar im Auto: Wenn wir mit'm Auto fahren zum Hintereingang der Stiftung rein, kann er mir auf der Handfläche zeichnen, welche Kurven wir fahren. Auch das ist was, wo ich weiß nicht, wie er's macht. Das waren so die Anfänge. Wir haben dann angefangen, das Gelände zu verlassen – was dazu sagen, denn Lukas' Cochlea-Implantat ist vor ein, zwei Jahren lauter gestellt worden. Das wird wohl, wusst ich auch nicht, in regelmäßigen Abständen lauter gestellt, damit sich das Gehirn auch dran gewöhnen kann, diese Reize zu verarbeiten. Und er fängt jetzt auch an, Akustik in seine Orientierung mit einzubauen – also es geht über solche Dinge, dass er an gewissen Häusern, die wir passieren, weiß, wo Hohlstellen in den Wänden sind. Er klopft dann mit'm Stock dagegen, gebärdet mir „hören" und lacht – also verwendet es wirklich als markante Orientierungspunkte. Er imitiert den Freigabeton der Ampel drüber laufen. Und das hat mir natürlich in meiner Arbeit noch mal deutlich mehr Möglichkeiten gegeben. Und wie gesagt, auf'm Gelände begonnen, dann ging's um so Sachen wie einkaufen beim nahegelegenen Bäcker. Der Lukas versteht auch diese Situation komplett – also wo ist der Tresen, dahinter arbeitet ein Mann oder eine Frau, ich muss Geld dafür geben, um was zu bekommen. Und auch da – das ist mir gestern oder vorgestern so bewusst geworden: Dem Lukas ist ganz wichtig, wenn du mit ihm einkaufen bist, er will immer das Handgelenk von der Person berühren, die da arbeitet. Er will wissen, ob das Mann oder Frau ist, inzwischen fragt er mich auch, wie groß die Person ist – also selbst da geht's ständig: Infos, Infos, Infos. Und ich hatte beim Bäcker eine Situation mit einem jungen Mann, der rein von der Optik vom asiatischen Raum kam, der sehr dünne, unbehaarte Handgelenke hatte. Und der Lukas hat mir die ganze Zeit gebärdet: Frau. Und ich hab gemeint: nein, Mann. Und er hat wiedergebärdet: nein, Frau. Und ich hab wiedergebärdet: nein, Mann. Und seine Antwort war dann: und Frau. Dann hab ich's gelassen, die Diskussion – der Verkäufer fand's zum Glück ganz witzig. ── Alleine laufen: Vertrauen und Sicherheitsausrüstung ── **Jürgen Pavelka:** [Videoausschnitt:] Das ist jetzt ein Video, da läuft der Lukas circa 20 Meter selbständig an der Leitlinie, alleine. Ist auch gesagt, das ist ein Thema: alleine laufen. Er hat oft Angst, er gebärdet auch „hab oft Angst". Für mich, sag ich mal als O&M-ler, ist es sehr schade, weil ich kann ihm egal wo auf'm Gelände sagen, wohin er laufen soll, rein orientierungstechnisch könnte er's, aber er traut sich nicht wegen seinem Gangbild. Wir haben dann eine Zeit lang auch mit ihm gearbeitet mit Knieschonern, Ellenbogenschonern und Helm, und haben ihm erklärt, dass da nix passieren kann, wenn er das an hat. Das hat auch tatsächlich geklappt, und inzwischen läuft er auf seinen bekannten Wegen, wenn ich ihn dazu auffordere, alleine zu laufen, läuft er auch allein. Er fragt dann auch immer währenddessen, ob der Jürgen noch schaut, und ist da ganz stolz drauf. Das ist eine sehr schöne Sache mit ihm. Ja, für mich ist es dann wirklich auch so, dass ich jetzt teilweise so ein bisschen an meine Grenzen komme, wo ich mir denk, wie beschäftige ich den Kerl – weil er eben so extrem neugierig ist und so viel wissen will. Und um ganz ehrlich zu sein: Ich bring ihm keine O&M-Techniken mehr bei, das braucht er nicht, er hat seine Techniken beigebracht gekriegt und viele selbst entwickelt. Mir geht's inzwischen eher darum, sag ich mal, ihm neue Umweltmuster zu zeigen und ihm Zusammenhänge in der Welt begreiflich zu machen. ── Neue Umgebungen erschließen: Werkstatt, Lager und Hauptbahnhof ── **Jürgen Pavelka:** Also ich hab dann so Sachen angefangen, wie mit ihm – Lukas, nur zum Beispiel: Ich bin mit ihm in der Wohngruppe, die er nicht kennt, die er erfasst, die Stockspitze geht auf Fliesen im Badezimmer, die Stockspitze geht einmal auf die Fliesen, er gebärdet mir sofort: Bad. Der Lukas weiß, wie ein Badezimmer aufgebaut ist, wie ein Schlafzimmer aufgebaut ist, wie eine Küche aufgebaut ist, wie persönliche Privatzimmer aufgebaut sind. Deswegen hab ich ihn jetzt mit in die Werkstatt vom Blindeninstitut genommen – da stehen Kreissägen, da stehen Bohrer, und so weiter und so fort. Das fand er ultras spannend, alles, was neu ist, wird erforscht. Die Mitarbeiter da kennen ihn inzwischen auch, die haben teilweise dann die Maschinen ausgeschaltet, damit er die erforschen kann. Und es gab dann so eine Situation, dass wir – also es gibt in der Stiftung ein Lager, wo halt die Gabelstapler rumfahren und so weiter, und der Lukas wollte da immer rein. Und ich hab ihm aber immer, weil meine Gebärden nicht so toll sind, immer gebärdet: der Mann, der hier arbeitet, sagt nein. Und nach ein paar Wochen hab ich mir gedacht, das ist nicht sein Niveau, ich muss ihm jetzt erklären, dass er Sicherheitsschuhe braucht. Da hab ich mir erstmal geschaut, was die Gebärde für Sicherheitsschuhe ist, hab mir einen Sicherheitsschuh organisiert, dann war ich die Woche drauf mit ihm wieder am Lager, hab ihm gebärdet: hier nicht, schauen, du brauchst Sicherheitsschuhe. Wir haben dann seine Fußkappen angetatscht, und dann die von den Sicherheitsschuhen, und der Lukas hat gar nicht reagiert. Und da hab ich mir gedacht: okay, das hat er jetzt doch nicht verstanden. Die Woche drauf sind wir im gleichen Raum vorbeigelaufen, und er hat gebärdet: hier nicht schauen, hat seinen Langstock genommen und hat sich [die Stockspitze] auf die Fußkappen gedrückt. Also er hat genau verstanden, was ich ihm gesagt hab. Und genau, jetzt inzwischen bin ich wirklich dabei, mit ihm richtige Umwelt-Zusammenhänge zu erarbeiten – also wie funktioniert eine Kreuzung, wie ist eine Bushaltestelle aufgebaut. Im Moment machen wir grad Hauptbahnhof, seit 2 Wochen jetzt findet Lukas ultras spannend, also wirklich jetzt erst so: die Vorhalle, welche Geschäfte sind da, und was kannst du da kaufen. Dann gibt's da einen Automaten mit Kaltgetränken, mit Heißgetränken, mit süßem Essen, wie funktioniert der Automat. Das hab ich ihm letzte Woche einmal gezeigt, Dienstag war ich mit ihm da, hab ihm am Hauptgang gezeigt, wo ist die Maschine, wo du süßes Essen kaufen kannst, und er hat mich hingeführt. Also das ist – er hat da wirklich eine Art fotografisches Gedächtnis, denk ich manchmal. Und jetzt geht's halt da drum, wie ist der Bahnhof aufgebaut: unten laufen wir, oben fahren die Züge, und so weiter. Wir laufen Züge ab, wie lang sind die, wie viel Waggons. Und es sind dann wirklich auch so Kleinigkeiten: Er hat dann am Dienstag zum Beispiel die Tür, den Türknopf entdeckt, hat mich gefragt, ob er drücken darf, ich hab's ihm erlaubt, er hat gedrückt, und er hat mir danach gebärdet, dass die Tür ganz leise aufgeht. Und das ist auch wieder ein Zeichen dafür: Er hat die Antennen immer rausfahren, Zugtüren gehen leise auf. Es ist, wie gesagt, dann immer wieder super interessant, ihn zu beobachten. Wir haben eine ganze Zeit lang jetzt auch den Müller-Markt gemacht in Würzburg, und ich glaub, beim dritten Mal, die wir da hingelaufen sind, hat er mir zehn Meter vorher gebärdet: ich rieche das Geschäft – weil er die Drogerie unten drin riecht. Und es ist nur ein Zeichen dafür, dass er einfach permanent aufmerksam ist und sich alle Infos, so viel Infos holt, wie er kriegen kann, ja. Genau, ich würd's – jetzt ist es wirklich schade wegen den Videos –, ach, das ist noch eine ganz interessante Geschichte: Wie gesagt, im Moment ist auch so ein Thema für ihn Stockwerke zählen, wie viel Stockwerke sind es. Da waren wir im Haupthaus, im Blindeninstitut in der Werkstatt, unten, das Gebäude hat 5 Stockwerke. Wir waren dann ganz oben im Giebel, und der Lukas hat mich dann gefragt, ob er da unten schauen darf, ich hab ihm das erlaubt, er ist dann gekrabbelt, hat sich bis runter in den Giebel gedrückt, und danach kam er zurück und hat mir „Dach" gebärdet – also auf diese Umsetzung, diese Schräge innen drin zu haben, ist das Dach von außen, obwohl ich in meinem Leben noch nie ein Dach gesehen hab. Wir sind dann die Stockwerke runtergelaufen, und der Lukas hat durchgängig seinen Langstock an der Decke gehabt, vom Dachgeschoss bis ins Erdgeschoss, hat festgestellt, dass in zwei Stockwerken die Decke höher ist, da ist er nicht rangekommen – die war 10 Zentimeter höher als in den anderen Stockwerken, wusste ich bisher auch nicht. Er hat dann in dem Stockwerk, wo er nicht an die Decke kam, ist er an alle Wände gegangen, hat's in jeder Ecke probiert, kam nicht ran – also er weiß, Räume können unterschiedlich hoch sein. Das hat ihm net so ganz gepasst, dass er nicht an die Decke kam, und die Woche drauf hab ich ihn abgeholt um 14 Uhr in seiner Wohngruppe, und er hat mir die Tür aufgemacht und hat einen Zollstock in der Hosentasche gehabt. Ich hab dann die Betreuerin gefragt, warum der einen Zollstock hat, und hat sie gemeint, weiß ich nicht, hat er vor 10 Minuten geholt. Dann hab ich gemeint, ich weiß, warum er den hat. Wir sind dann runter in die Werkstatt, wir waren kaum drin, hat er mir sofort seinen Langstock gegeben – [im Video sieht man:] er hat dann den Stock ausgeklappt, ist nach oben an die Decke gestoßen, und dann ging's erstmal hoch, er hat's doch geschafft, hochzukommen. Und danach zeigt's auf, wie clever er ist: Den Langstock hat er in dieser Einheit nicht mehr gebraucht, er ist nämlich dann mit Zollstock gelaufen. ── Akustik als neue Ressource: Cochlea-Implantat und Ampeltöne ── **Jürgen Pavelka:** Ja, genau, hier ist immer, jetzt grad – also wirklich jetzt durch das, dass dadurch das Cochlea-Implantat lauter gestellt wurde, können wir jetzt Akustik mit einbeziehen. Hier gebärdet er mir grad, dass er den Auffindeton hören kann. Zusätzlich, gesagt, er hat auf'm linken Auge 2 Prozent, setzt er sich auch dem Reiz vom Anforderungskasten aus, geht mit'm Auge nah hin, wenn der dann angefordert hat und es rot wird – da gebärdet er mir eben, er hört den Ton, er muss warten. Und wenn dann grün ist, können wir rüberlaufen und wieder zurück. Und jetzt kann ich auch wirklich so Sachen mit ihm machen wie Kreuzungsanalysen: Hörst du die Autos, von wo nach wo fahren die, wann sind Ampelphasen, wann kannst du gehen. Und das macht ziemlich viel Spaß mit ihm. Das ist jetzt grad letzte Woche, Bahnhof gewesen, wo er – ich weiß nicht, warum er es gemacht hat, aber für mich ist so eine der ersten Dinge, wenn ich mit jemand Geburtsblinden am Bahnhof bin, eine der ersten Sachen am Gleisbild ist definitiv, den Stock runter ins Gleisbild, damit die Person weiß, wie tief das ist und wie vorsichtig sie sein muss. Der Lukas hat's von sich aus gemacht, warum, weiß ich nicht, ich weiß es nicht. Da versucht er auch mal wieder, an die Decke zu kommen, aber es gibt sehr viel hohe Decken auf der Welt, wo da auch der Langstock nicht reicht. Genau, dann würd ich jetzt noch eine kurze Situation erzählen, die mich sehr fasziniert hat, und dann vielleicht noch den Raum für Fragen lassen. Ich bin jetzt mit dem Lukas seit circa 6 Wochen in der Innenstadt: Wir kommen am Bahnhof an und fahren dann mit der Straßenbahn eine Station zum Drogeriemarkt Müller, wo er dann in der Spielzeugabteilung Lichter gucken kann, beziehungsweise das haben wir jetzt eine Zeit lang gemacht, und es hat jetzt, glaub ich, drei Einheiten gedauert, dann hat der Lukas die komplette Situation verstanden, wie Straßenbahnfahren funktioniert. Er hat nach dem Einsteigen auch gebärdet, ob er drücken muss, Haltewunsch – also er wusste, wir fahren eine Station, wir steigen in die Straßenbahn, er sitzt auf'm ersten Sitz für schwerbehinderte Menschen, gebärdet mir: hier sitzt ein Mann, der arbeitet und fährt. Ich sag ihm ja, er fragt, ein oder zwei Männer, ich sag ein Mann. Wir sind in Müller, sind auch unterwegs, eine Stunde später steigen wir wieder in die Straßenbahn, aber diesmal nicht vorne, sondern mitten in der Straßenbahn, und der Lukas sitzt mit'm Rücken in Fahrtrichtung und gebärdet mir jetzt: sitzt der Mann da und fährt. Und wer das weiß, wie schwierig das ist, bei so vielen Drehungen sich in Bezug zu setzen, wo ist jetzt der Fahrer – also er setzt sich wirklich, er ist bis jetzt permanent im Bezug zu seiner Umgebung. Genau, also jetzt noch mal Entschuldigung, dass die Videos nicht funktioniert haben, das ist bisschen ärgerlich, aber gut, bis jetzt so: Wie gesagt, ich arbeite jetzt 2 Jahre mit ihm, er hat einen unglaublichen Entwicklungsschub gemacht die letzten 2 Jahre, und ich freu mich drauf, was die nächsten 2 Jahre noch passiert mit ihm. Genau, genau. ── Publikumsgespräch und Nachgespräch mit der Moderatorin ── **Moderation:** Ja, vielen Dank, vielen Dank, Jürgen. Also im Stream haben wir es aber gesehen, das Video, also wer auf YouTube noch mal das Video sehen möchte, kann das abrufen und kann sich das anschauen. Das können wir jetzt auch nicht klären, aber ist schön, wie flexibel du bist, ich muss echt sagen, vielen Dank. Ja, das wär ganz schlecht gewesen, hättste Tina geholt. Okay, hat jemand Fragen an den Jürgen? Nein. So toll dargestellt und keine einzige Frage – Jürgen, das ist ein Wahnsinn. Aber ich denk mir, ist schon auch sehr beeindruckend – ich weiß immer, wenn du, wenn wir uns beim Essen oder so treffen, dass du immer ganz begeistert von Lukas erzählst und was er für Fortschritte macht, und wir reden da ja auch öfter drüber, ihr besucht uns ja auch hin und wieder mal. Also, es ist schon wirklich Klasse, was dieser junge Mann da leistet, und wie du schon sagst: Mobi braucht er gar nicht mehr, sondern eher andere, komplexere Dinge. **Jürgen Pavelka:** Na ja, also ich – es ist sehr spannend, ihn mitzunehmen in eine Umgebung, die er nicht kennt. Das mache ich erst seit 3 Monaten, und es ist halt ultras spannend zu sehen, was für Infos er sich holt. Also, wir laufen aus'm Hof raus, er entdeckt mit'm Stock eine Mauer, der Stock geht sofort hoch: wie hoch ist die Mauer, was ist oben drüber, ach, da ist Wiese, Stock geht wieder runter. Zwei Meter später: wie hoch ist die Mauer jetzt, immer noch Wiese. Dann kommt eine neue Mauer: was ist da oben, ah, da ist ein Metallzaun. Oder so Dinge, dass ich mit ihm an der anderen Mauer, am Getränkemarkt entlang lauf: die Mauer ist erst niedrig, dann wird sie hoch, dann wird sie wieder niedriger, ich gebärde ihm an einer Stelle: jetzt ist die Mauer so hoch wie der Lukas. Ja, dann läuft er weiter, hat die Mauer in der Hand und gebärdet mir irgendwann: jetzt ist die Mauer so hoch wie der Jürgen. Und es stimmt. Also auch, dass er meine Größe in Bezug setzen kann zur Umwelt, ist ja... Mehr Informationen finden Sie unter sightcity.net/F032006. Vielen Dank und bis zur nächsten SightCity. ────────────────────────────────────────── Mehr Informationen: https://sightcity.net/F032006