Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderung: Erkenntnisse und Herausforderungen Forumsbeitrag | SightCity Forum 2026 Referentin: Sonja Gerth, Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs Datum: 28. Mai 2026 Vortrag-ID: F032008 Weitere Informationen: https://sightcity.net/F032008 Hinweis: Dieser Vortrag behandelt sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Die Referentin selbst weist im Vortrag darauf hin, dass Zuhörer:innen den Raum jederzeit verlassen oder eine Pause einlegen können, und nennt das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch sowie eine Sonder-Sprechzeit „heute (Donnerstag) ab 15 Uhr bei der SightCity" – eine Rufnummer nennt sie dabei nicht. Redaktioneller Zusatz (nicht Teil des gesprochenen Vortrags, separat recherchiert, Stand September 2026): Hilfetelefon Sexueller Missbrauch, bundesweit, kostenfrei, anonym: 0800 22 55 530, auch online über schreib-ollie.de. Der Name der Referentin wird im Mitschnitt uneinheitlich ausgesprochen; „Sonja Gerth" ist die wahrscheinlichste Lesart, aber unbestätigt. ────────────────────────────────────────── ── Begrüßung & Vorstellung: Sonja Gerth und die Unabhängige Kommission ── Herzlich willkommen zum Mitschnitt des Forums vom 28.05.2026: „Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderung – Erkenntnisse und Herausforderungen." Referentin: Sonja Gerth. Viel Spaß mit dem Vortrag. **Sonja Gerth:** Hallo. Schön, dass Sie da geblieben sind. Ich kann mir schon denken, dass der vorherige Referent wahrscheinlich ein bisschen attraktiver war für das Publikum, aber ich freue mich über alle, die hier sind, und auch über diejenigen, die den Vortrag vielleicht noch nachschauen. Mein Name ist Sonja Gerth, ich arbeite im Büro der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, und werd Ihnen mal ganz kurz vorstellen, was heute so mein Plan ist, was ich Ihnen vorstellen will: Einmal stell ich Ihnen natürlich die Aufarbeitungskommission vor, falls Sie von der noch nichts gehört haben. Und dann werde ich Ihnen über die Erkenntnisse berichten, die die Aufarbeitungskommission zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderungen hat. Und ich hab Ihnen auch eine Geschichte von einer blinden Betroffenen mitgebracht. Und falls Sie sich danach fragen, was Sie selbst auch tun können, dann hab ich Ihnen am Ende noch ein paar Hinweise mit ins Gepäck gepackt. Danke. Ja, fangen wir mal an mit der Unabhängigen Kommission. Das hier ist ein Foto der Kommission, auf der sieben ältere Herrschaften dargestellt sind, die freundlich in die Kamera lächeln. Das sind die ehrenamtlichen Mitglieder der Aufarbeitungskommission. Und zwar ist das Stefan Rixen, er ist Professor für öffentliches Recht an der Uni zu Köln. Barbara Kavemann, sie ist Professorin für Sozialwissenschaften. Rieke Hoffmann, sie ist auch Professorin für Sozialwissenschaften, und sie arbeitet auch – sie hat als Kinderkrankenschwester angefangen zu arbeiten und ist an der Uniklinik Ulm. Im Zentrum sehen wir Julia Gebrande, das ist die Vorsitzende der Aufarbeitungskommission, sie ist Professorin für Soziale Arbeit in Esslingen, und sie hat auch den Schwerpunkt Menschen mit Behinderungen, also sexuelle Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen. Und dann sind außerdem noch Mitglied: Matthias Katsch, er ist Philosoph und Berater und auch selbst Betroffener. Dann eine weitere Person, sie ist Traumatherapeutin, und Heiner Kolb ist Sozialpsychologe. Danke. Und wichtig ist vielleicht noch zu wissen, dass bei uns im Büro 10 Personen für die Kommission arbeiten, und dass wir aber im Bundesgebiet, in ganz Deutschland, mit insgesamt 20 Anhörungsbeauftragten zusammenarbeiten, die also deutschlandweit vertrauliche Gespräche für die Kommission durchführen. ── Ziele und Arbeitsweise der Aufarbeitungskommission ── **Sonja Gerth:** Was sind die Ziele der Aufarbeitungskommission? Die Ausmaß, Art und Folgen der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche seit 1945 in der DDR und in der Bundesrepublik zu untersuchen, und zwar in allen Bereichen – also ob das die Familie ist, die Kirche, Sport, Schule, es können alle Bereiche sein, in denen die Kommission tätig wird. Wir wollen Strukturen identifizieren, die den Missbrauch, das Ausbleiben von Hilfe und auch möglicherweise das Vertuschen ermöglicht haben. Und wir wollen heute erwachsenen Betroffenen das Sprechen ermöglichen, jenseits von Gerichtssälen und auch Therapieräumen – das ist für uns das Wichtigste, Betroffene stehen bei uns im Mittelpunkt unserer Arbeit. Danke. Und wir wollen dafür sorgen, dass es eine gesellschaftliche Anerkennung gibt für das Unrecht und das Leid, das Betroffene von sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend erfahren mussten. Außerdem unterstützen wir bei Aufarbeitungsprozessen, und sollen künftig – das ist unsere Aufgabe nach einem neuen Gesetz, das es seit dem letzten Jahr gibt – diese Prozesse auch kontrollieren. Und wir initiieren auch Forschung. Wie gehen wir vor? Ich hab ja schon gesagt, die Betroffenen stehen im Zentrum unserer Arbeit, und deswegen hören wir ihnen als Erstes zu. Das heißt: Betroffene können sich bei uns melden und können einen Termin vereinbaren, und können dann bundesweit, mehr oder weniger in der Nähe ihres Wohnorts, eine vertrauliche Anhörung mit uns durchführen. Das heißt, uns ungefähr 2 Stunden lang ihre komplette Missbrauchsgeschichte erzählen, ihre Lebensgeschichte, und auch, welche Folgen das für sie gehabt hat. Außerdem werten wir auch schriftliche Berichte aus. Sie können uns also auch in einem ruhigen Moment eine E-Mail schreiben und uns alles aufschreiben – wir haben dazu ein paar Leitfragen, falls Sie die benötigen, zur Stütze sozusagen, auf unserer Webseite. Und können uns eben einfach den Bericht zuschicken. Und wenn die Betroffenen damit einverstanden sind, dann nutzen wir die Erkenntnisse, die sie uns mitgeben, auch – die Berichte fließen dann in Fallstudien, die wir dann wiederum veröffentlichen und an Politik und Gesellschaft weiterreichen. Außerdem machen wir Gespräche mit weiteren Zeitzeug:innen, Fachkräften, beispielsweise Angehörigen. Wir haben Werkstattgespräche mit Expert:innen, und wir führen auch öffentliche Hearings durch – das heißt, wir machen eine große öffentliche Veranstaltung, wo Betroffene die Bühne erhalten und in einem gesicherten Rahmen über ihre eigene Missbrauchsgeschichte sprechen können. Und Institutionen-Verantwortliche müssen dann eben zuhören und müssen sich anhören, was mit den Betroffenen damals geschehen ist. Außerdem initiieren wir, wie ich schon gesagt hab, Forschungsprojekte, Expertise und Fallstudien, und haben auch ein Geschichtenportal – das heißt, wir haben eine Webseite, auf der wir mittlerweile über 140 Berichte von Betroffenen gesammelt haben, und die kann man dort lesen. Und die Berichte, die dort zu lesen sind, sind auch aus den verschiedensten Bereichen, also Familie, Kirche, Sport, Schule und so weiter. Danke. Ja, wie denken wir Menschen mit Behinderungen mit? Menschen mit Behinderungen sind auf jeden Fall seit 2021, spätestens, ein Schwerpunkt der Arbeit der Kommission. Und wir bemühen uns – ich sage nicht, dass wir absolut barrierefrei sind, ich weiß nicht, wer das für sich einen Anspruch nehmen könnte –, wir versuchen auf jeden Fall, immer besser zu werden. Unsere Webseite, unsere Publikationen sind soweit wie möglich barrierefrei. Wir versuchen auch immer wieder, möglichst unsere Leichte-Sprache-Angebote zu erweitern, und auch die Deutsche Gebärdensprache anzubieten – wir bieten beispielsweise auch die Möglichkeit, dass man auch mit einer Dolmetschung uns berichten kann. Und wir sind auf jeden Fall immer offen für Anregung und Kritik. Ich hab auch meine Visitenkarte dabei – also wenn Sie auf unserer Webseite waren und noch was zu bemängeln haben, dann können Sie sich sehr gerne bei mir melden. Ja, ich hab noch ein paar Zahlen mitgebracht auf dieser Folie: Und zwar hat die Kommission seit 2016, seit es sie gibt, 2.259 vertrauliche Anhörungen durchgeführt, überwiegend mit Betroffenen, auch mit ein paar Zeitzeuginnen, also Menschen, die nicht selbst betroffen waren, sondern beispielsweise Angehörige waren, deren Kinder im Sportverein das erlebt haben. Wir haben 859 schriftliche Berichte erhalten, und wir haben 6 öffentliche Hearings durchgeführt – das sind Veranstaltungen, die wirklich immer ungefähr ein Jahr vorbereitet werden. Das ist unser Logo, und unser Claim: „Geschichten, die zählen." Und deswegen kleine Pause, weil ich jetzt übergehe zu den Ergebnissen. Danke. ── Zahlen und Fakten: Sexuelle Gewalt gegen Menschen mit Behinderung ── **Sonja Gerth:** [Aus dem Publikum wird eine Frage gestellt; die Referentin bittet darum, Fragen für die Fragerunde am Ende zu sammeln – auch für diejenigen im Chat.] Zur Frage: „Wie konnte es so weit kommen, noch dazu in einer Einrichtung, bei der besonders zu schützende Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer Schwerbehinderung untergebracht sind" – fragt eine Betroffene, das ist eine Person, die sich bei uns gemeldet hat, ihr Zitat. Sexuelle Übergriffe in Kindheit und Jugend hat jede zweite bis vierte Frau mit Behinderung erlebt. Sexuellen Missbrauch in Kindheit und Jugend durch Erwachsene haben 20 bis 34 Prozent der Frauen mit Behinderung erlebt. Sie waren damit 2- bis 3-mal häufiger betroffen als Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt. Blinde Frauen waren mit 40 Prozent besonders häufig betroffen – die am zweithäufigsten betroffene Gruppe nach den gehörlosen Frauen. Und diese erzwungenen sexuellen Handlungen haben sich dann häufig auch im Erwachsenenleben fortgesetzt: 21 bis 43 Prozent der Frauen mit Behinderung haben angegeben, dass sie das auch im Erwachsenenleben erleben mussten. Diese Zahlen beziehen sich – hab ich aus einer Studie, die vom Bundessozialministerium in Auftrag gegeben worden ist. Und noch ein kurzer Kommentar zu den Männern: Wir haben leider eine sehr schlechte Datenlage, aber wir als Kommission gehen davon aus, dass das Risiko auch für Männer mit Behinderung, und auch für blinde Männer, deutlich erhöht ist. ── Begriffsklärungen und Triggerwarnung ── **Sonja Gerth:** Ich komme zu Begriffsklärungen. Wir haben jetzt hier so 4 Quadrate, wo ich ein paar Begriffe drin habe, und ich möchte dazu noch eine kurze Warnung aussprechen: Falls Sie selbst beispielsweise betroffen sind, falls Sie hier im Saal sind, haben Sie natürlich jederzeit die Möglichkeit, auch den Raum zu verlassen, wenn Sie sich nicht wohlfühlen bei einer bestimmten Schilderung. Und auch, wenn Sie am Bildschirm sitzen und den Vortrag nachhören, dann bitte ich Sie, wenn Sie sich nicht wohlfühlen, sehr gerne eine Pause einzulegen, sich vielleicht jemand anderen dazuzuholen, mit dem man sich vielleicht wohler fühlt, das durchzuhören, oder eben auch abzubrechen. Es gibt auch das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch, bei dem Sie sich an sehr vielen Wochentagen auch spontan melden können. Und das hat, donnerstags beispielsweise, heute, bei der SightCity, ab 15 Uhr Sprechzeiten. Ja, also, ich sag noch mal kurz was zu den Begriffen: Sexueller Missbrauch ist wahrscheinlich jedem ein Begriff, aber an diesem Begriff gibt es auch Kritik, weil gesagt wird, Missbrauch heißt, dass es auch einen richtigen Gebrauch gibt von Kindern, und das ist ja vielleicht auch nicht gerade die richtige Formulierung. Deswegen wird in der Fachwelt sehr häufig von sexueller Gewalt oder sexualisierter Gewalt gesprochen. Und Gewalt – da denken viele Menschen, dass damit eben auch physische Gewalt zusammenhängt, aber wir sprechen auch von sexualisierter Gewalt, wenn das Opfer beispielsweise erstarrt und sich überhaupt nicht wehrt. Manche Menschen würden dann vielleicht sagen, dass dann keine Gewalt stattgefunden hat in dem Sinne – aber die Fachszene hat die Erkenntnis gewonnen, dass diese Form der Gewalt eben häufig gar nicht aus sexuellem Interesse stattfindet, sondern vor allem aus Machtgründen, sozusagen, also es ist eine Form der Ausübung von Macht. Und deswegen gibt es dieses Wort „sexualisierte Gewalt", was eigentlich andeuten soll, dass es eben eine Machtausübung, eine Gewaltausübung in Form von sexueller Gewalt ist. Danke. Dann gibt es noch die Wörter Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung. Also Belästigung und Nötigung, das sind alle Formen von unerwünschten Berührungen beispielsweise, dann verbale Belästigung, also anzügliche Witze zum Beispiel, dann nonverbale Belästigung – das ist wichtig, da komm ich auch gleich noch zu, im Bereich Sehbehinderung –, also beispielsweise anzügliche Blicke oder Gesten. Ja, und soweit zu den Begriffen. Dann möchte ich noch etwas sagen zum erhöhten Risiko von sexualisierter Gewalt – hier haben wir eine Folie mit einer Grafik wieder. Und vorweg möchte ich sagen, dass es, egal welche Person es trifft, sexualisierte Gewalt ist immer schlimm und ist immer eine Menschenrechtsverletzung. Aber für manche Menschen ist das Risiko erhöht, Opfer von sexueller Gewalt zu werden. Und zwar hängt das damit zusammen, dass sie vielleicht auch in anderen Bereichen Diskriminierung erlebt haben, beispielsweise aufgrund ihres Alters, aufgrund ihrer Herkunft, aufgrund ihrer sozialen Schicht, oder auch aufgrund ihrer Behinderung. Und das macht diese Grafik deutlich, wo wir verschiedenfarbige Linien haben, die jeweils für ein Merkmal stehen, also zum Beispiel Alter oder Behinderung, und diese Linien überschneiden sich – das nennt sich, das Modell nennt sich Intersektionalität. Und das bedeutet zum Beispiel, zusammengefasst: Wenn ich eine blinde, Schwarze Frau bin, dann ist das Risiko, sexuelle Gewalt zu erleiden, höher, als wenn ich ein nicht behinderter, weißer Mann bin. Und vielleicht sind auch meine Ressourcen begrenzt, sag ich jetzt mal, diese sexuelle Gewalt zu bewältigen. Danke. Diese Folie geht noch einmal um die gesellschaftlichen Dimensionen – da will ich nur kurz dazu sagen, dass die Kommission Behinderung nicht als defizitäres Merkmal sieht, sondern sich da auch an der Selbsthilfebewegung orientiert: Wir sind nicht behindert, wir werden behindert. Und diese höhere Verletzlichkeit hat eben auch was damit zu tun, dass die Gesellschaft es nicht schafft, Barrieren zu beseitigen, die Teilhabe ermöglichen, und dass es in der Gesellschaft Zuschreibungen gibt, eben für Menschen mit Behinderung, die eben auch dazu beitragen, dass Menschen mit Behinderung eine erhöhte Verletzlichkeit haben. Danke. So, hier kommen wir noch mal zu dem Wort Paternalismus – das werden vielleicht einige im Raum auch ganz gut kennen. Das leitet sich vom Wort „paternalis", väterlich, oder „Vater" ab, und steht eigentlich für Bevormundung: „Ich weiß am besten, was für dich gut ist." Das heißt, eine Person, die gegen den Willen, aber auf das vermeintliche Wohl einer Person ausgerichtet, etwas unternimmt – also, wenn ich jetzt als Angehörige oder Assistenz oder so irgendetwas für eine Person tue, die da vielleicht eigentlich gar nicht so wirklich etwas möchte, aber die andere Person in dem Fall ja vielleicht abhängig von mir ist, dann sprechen wir eben von Paternalismus. ── Publikumsabstimmung: Drei Fragen zum Mitdenken ── **Sonja Gerth:** So, diese Folie überspring ich jetzt mal, und komm jetzt zu den Gründen für eine erhöhte Gefährdung von blinden Kindern und Jugendlichen. Und dazu möchte ich Sie gerne auffordern, kurz mitzumachen, in einer kleinen Abstimmung mit 3 Fragen. Und ich würde Sie bitten, wenn Sie möchten, den Arm kurz zu heben, wenn Sie der Meinung sind, dass die Antwort auf meine Frage Ja lautet. Glauben Sie, dass blinde und sehbehinderte Menschen ein erhöhtes Risiko haben, Opfer von sexueller Gewalt zu werden? Das sind jetzt, glaub ich, alle im Raum. Und meine zweite Frage wäre: Wer hat schon einmal mitbekommen, dass eine blinde Person gegen ihren Willen angefasst wurde – also nicht sexuell unbedingt, sondern eher so übergriffig? Gerade sind schon so 56 Personen. Und die dritte Frage ist: Stellen Sie sich vor, Sie sind Lehrkraft an einer Blindenschule. Ein sehr junges Mädchen in der 7. Klasse ist mit einem Achtzehnjährigen befreundet, beziehungsweise in einer Beziehung. Sie bekommen mit, wie die beiden zusammen auf der Schultoilette verschwinden. Wer hier im Saal hätte dabei ein komisches Bauchgefühl? Und da heben doch wieder alle die Hand. Ja, vielen Dank fürs Mitmachen. Zu dieser Situation werden wir am Ende meines Vortrags noch mal kommen. Danke. ── Warum das Risiko für blinde und sehbehinderte Kinder erhöht ist ── **Sonja Gerth:** Was sind die Gründe für eine erhöhte Gefährdung von blinden und sehbehinderten Kindern und Jugendlichen? Einmal: Sie könnten beispielsweise auf Hilfestellungen, Assistenz angewiesen sein, also Situationen wie zum Beispiel das Führen – haben ja mit Berührung und engem Körperkontakt zu tun, und könnten von Tätern oder Täterinnen für sexuelle Übergriffe genutzt werden. Das ist auch schwierig für die Betroffenen zu erkennen: Was ist eine Hilfestellung, und was ist schon ein sexueller Übergriff – also wenn man beispielsweise an der Brust entlangstreicht. Sie können im Blick des Gegenübers nicht ansehen, ob sie sie gerade gedanklich ausziehen, und sich dann auch schwerer schützen, zum Beispiel vor Blicken unter den Rock oder in den Ausschnitt. Danke. Sie können abhängig sein vom Wohlwollen der Bezugsperson – da besteht dann auch immer so ein Konflikt bei Kindern und Jugendlichen: Dankbarkeit und Loyalität, die Person hilft mir ja, oder assistiert mir, und gleichzeitig macht sie irgendwas mit mir, was ich nicht möchte – wie verhalt ich mich jetzt? Danke. Dann gibt es die alltägliche Erfahrung für viele, dass andere den Körper versorgen oder versorgen müssen, und die Folge kann sein, dass es kein ausgewogenes Körpergefühl gibt, und die Person nicht weiß: Mein Körper gehört mir, und ich kann selbst über mich bestimmen. Danke. Und dann ist auch noch ein mögliches Problem der Umgang mit Erotik und Optik, sozusagen: Ein fehlender positiver Zugang zum eigenen Körper kann sein die Tabuisierung von Sexualität, ein geringes Selbstwertgefühl, und Unsicherheiten mit der nonverbalen Kommunikation – also, wie ich ja eben schon erwähnt habe, es gibt natürlich Menschen, die nonverbal übergriffig einem gegenüber werden, indem sie einen irgendwo angucken oder so, und es könnte sein, dass man das dann vielleicht nicht bemerkt. Ja, dann gibt es oft zu wenig Wissen über den Körper und über die Sexualität, und natürlich auch eine Sehnsucht von Menschen nach Zärtlichkeit und Sexualität, das ausgenutzt werden kann. Im Allgemeinen kann man noch mal sagen, dass eben Mädchen und Jungen mit Behinderung oder mit Beeinträchtigung gefährdeter sein könnten, weil Abwehr und Widerstand nicht deutlich genug gemacht werden können, oder nicht kenntlich ist, dass sie wirken wehrloser, sie können sich vielleicht schlechter verteidigen, wenn sie beispielsweise im Rollstuhl sitzen – wegrennen ist auch nicht immer eine Möglichkeit beispielsweise. Dann wird die Glaubwürdigkeit eher angezweifelt, beispielsweise das Vorurteil, dass Täter nicht zweifelsfrei identifiziert werden können. Das hat uns auch schon jemand berichtet, dass zum Beispiel eine blinde Person von der Polizei gefragt wurde: „Ja, du kannst ja gar nicht zweifelsfrei sagen, dass der Mensch das war, weil du hast die Person ja nicht gesehen." Dann gibt es nur wenige barrierefreie und leicht zugängliche Hilfeangebote und Beschwerdemanagement, Scham und Schuldgefühle. Und all das kann eben dazu führen, dass die Kinder und Jugendlichen nicht nur in ihrer Kindheit das erleben, sondern dass sie manchmal auch solche toxischen und schwierigen Verhältnisse eben zu anderen Personen auch im Erwachsenenalter erleben müssen. Danke. ── Valerias Geschichte und Appell zum Schluss ── **Sonja Gerth:** So, jetzt bin ich bei den Fragen und Anmerkungen angekommen, und würde fragen, ob's hier im Raum oder aus dem Chat noch Fragen gibt. **Moderation:** Erstmal vielen Dank, Frau Gerth, vielen Dank. Gibt es Fragen von Ihnen? **Frage aus dem Publikum:** Ja, ich hab mal eine Frage, und zwar ist das eine juristische Frage: Wenn ich jetzt als Kind missbraucht werde oder falsch angefasst werde, oder was auch immer, hab ich das Gefühl, dass das Kind allein in dem Moment alleine steht, weil es muss alleine anklagen, es muss alleine sagen, jawohl, der hat mich angefasst, der war's, und und und. Was mir ein bisschen fehlt bei der ganzen Sache bei Kindesmissbrauch ist – wenn ich jetzt zum Beispiel an das Märchen Hänsel und Gretel denke: Kein Kind ärgert sich darüber, dass Kekse verbrennen, obwohl das natürlich schlimm ist, aber sie identifizieren sich mit ihresgleichen, mit den anderen Kindern. Und ich sag, warum gibt es da nicht eine Instanz, sag ich, die sagt: Hören Sie mal zu, es gibt eine Kinderwelt, es gibt eine Erwachsenenwelt, und wenn ein Erwachsener in eine Kinderwelt einbricht, dann ist es so schlimm, dann gehört es meiner Sicht nach schon verurteilt, ohne dass das Kind oder sonst jemand eine Anklage stellen muss. Ich dachte, das müsste eigentlich eine Sammelklage sein. **Sonja Gerth:** Ja, na gut, also, das ist bei uns im Strafsystem – ich bin jetzt auch keine Juristin, aber im Strafsystem natürlich schon so, dass wir müssen tatsächlich individuelle Fälle behandeln, und man kann nicht einen großen Schirm über alles spannen. Aber immerhin kann ich Ihnen mitteilen, dass es in den letzten Jahren schon einige Fortschritte gegeben hat zu dem, was wir sozusagen kindgerechte Justiz nennen. Das heißt, dass es in Deutschland jetzt auch mehr und mehr sogenannte Childhood-Häuser gibt – das sind Häuser, wo beispielsweise, wenn ein Kind aus einer Familie herausgeholt worden ist und festgestellt wird, wo der Verdacht besteht, dass es dort Missbrauch gab, dann könnte es in so ein Childhood-Haus gebracht werden, und dann sind dort alle Fachkräfte gemeinsam, also beispielsweise Polizei, Sozialarbeit, Therapie, und die befragen das Kind gemeinsam und entscheiden gemeinsam darüber, wie es weitergeht, sodass das Kind nicht erst zu der einen Institution gereicht wird, dann zu der nächsten Institution, und jedes Mal wieder aussagen muss. Und das würden wir uns natürlich wünschen, dass eben diese kindgerechte Justiz auch weiter fortentwickelt wird. **Moderation:** Ja, da hinten ist noch eine Frage. **Frage aus dem Publikum:** [Frage akustisch nicht vollständig verständlich, sinngemäß zum Umgang von Polizei und Jugendamt mit behinderten Betroffenen.] **Sonja Gerth:** Ja, also, ich kann auch aus eigener Erfahrung und auch aus Erfahrung anderer sagen, dass oft die Polizei oder auch das Jugendamt – bisher, früher, jetzt ist es schon besser geworden, aber in den Neunzigern waren die überhaupt nicht geschult und haben auch behinderte Menschen oder behinderte Jugendliche gar nicht ernst genommen. Da haben wir auch, Gott sei Dank, schon viel getan, aber es muss noch viel gemacht werden. Dafür setzen wir uns auch ein, denn das haben uns auch viele Betroffene berichtet, dass sie nicht ernst genommen wurden. **Moderation:** Hallo, ich hab noch eine Frage aus dem Chat. **Frage aus dem Publikum** (aus dem Chat)**:** Wenn man sich noch in einem laufenden juristischen Verfahren befindet, wird einem ja strikt untersagt, sich in therapeutische Hilfe zu begeben, oder sich generell professionelle Hilfe zu suchen. Darf man sich dennoch an Sie wenden, oder soll bis zum Verfahrensabschluss gewartet werden? **Sonja Gerth:** Tatsächlich ist es so, dass wir als Aufarbeitungskommission häufig sagen: Warten Sie erstmal den Strafprozess ab, bevor Sie sich sozusagen mit der Aufarbeitung befassen, weil wir sozusagen da erst dahinter geschaltet sind, sag ich jetzt mal so. Ich kann Ihnen aber sagen, dass auch im Bereich der Therapie gerade ein Umdenken stattfindet. Früher war es so, dass die Gerichte gesagt haben: „Ach, sie haben jetzt schon angefangen" – also das Kind hat jetzt schon angefangen, Therapie zu machen, da hat der Therapeut ihr doch bestimmt irgendwas eingeflüstert oder so, und deswegen kann's jetzt hier keine wahrhaftige Aussage mehr treffen. Da findet aber doch mittlerweile ein Umdenken statt, weil diese Verfahren ja sehr lange dauern, und für ein Kind, was bedeuten 2 Jahre, wenn es 2 Jahre keine Therapie erhalten kann nach einem Missbrauch, bevor der Prozess wirklich anfängt. Und ich hoffe, dass sich da noch einiges ändert. **Moderation:** Vielen Dank. Die 6 Veranstaltungen, die Sie immer wieder machen, was meinen Sie damit? Ich weiß nicht mal, wie Sie das genau gesagt haben wollen. Ja, was ist das eigentlich genau? **Sonja Gerth:** Das sind öffentliche Hearings, das bedeutet – also, ich hab ja gesagt, sind erst 6 gewesen seit 2016 –, das sind Veranstaltungen, die wir in der letzten Zeit auch tatsächlich über Livestream übertragen haben, die man also auch aus anderen Teilen Deutschlands dann mitverfolgen kann, und die eigentlich den ganzen Tag gehen, und wo wir immer wieder Betroffene auf dem Podium haben, die ihre Geschichte berichten, aus ihrer Geschichte berichten, und das alles mit dem Fokus auf einen speziellen Themenbereich – also beispielsweise hatten wir im letzten Jahr unser letztes Hearing zum Thema Heimerziehung. Und im Moment ist aber noch kein neues Hearing geplant, also die sind nicht ganz so oft, die Hearings. **Moderation:** Gut, eine letzte Frage lassen wir noch zu, genau, dann war nämlich gut in der Zeit. **Frage aus dem Publikum:** Ich würde gerne Ihre persönliche Meinung zu den Geschehnissen bei SOS-Kinderdorf mal hören, weil ich bin jemand, der hat da immer gerne hingespendet, und ich hab mittlerweile Fragen, ob's da mit rechten Dingen zugeht. **Sonja Gerth:** Also, ich, ich glaube, ich lehn mich jetzt nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich Ihnen sage, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Ich glaube, das ist relativ gut belegt, dass es dort leider systematischen Missbrauch gegeben hat, und auch gerade von diesem Großspender und auch vom Gründer. Und für uns ist natürlich wichtig, dass es eine Aufarbeitung dieser Fälle gegeben hat, und da liefern Sie mir auch schon eine gute Vorlage für das Ende meines Vortrags. Denn wir als Aufarbeitungskommission setzen uns natürlich dafür ein, dass solche Fälle systematisch untersucht werden, dass es eine Kommission gibt, die da reingeht, die sich alle Akten anguckt, alle Archive anguckt, die mit den Betroffenen spricht, die auch mit den heutigen Verantwortlichen spricht, und die eine Studie dazu macht: Was ist damals alles falsch gelaufen? Und daraus lernen wir für die Zukunft. Aus den Geschichten der Betroffenen können wir etwas machen, um den Kinderschutz in der Zukunft eben zu verbessern. Und dann könnt ich Ihnen vielleicht noch das Zitat von Valeria – von der Geschichte, ich komm jetzt nicht mehr ganz dazu, die Situation auf dem Schulklo aufzulösen. Ich kann Ihnen aber sagen, dass der Schulleiter, der das beobachtet hat, leider nichts gemacht hat, in ihrem Fall. Oft hat man das Bild davon, dass es in Einrichtungen für behinderte Menschen ordentlich zugeht, aber da täuscht sich die Gesellschaft – das gibt uns Valeria mit auf den Weg. Und ich geb Ihnen den QR-Code mit – ich hab, wenn Sie jetzt vom Publikum aus zur Bühne gehen, auf der rechten Seite, auf dem Tisch hab ich ausgelegt ein kleines Zettelchen mit QR-Code zu unserer Webseite, zu der Geschichte von Valeria, auch 2 Flyer von der Kommission und meine Visitenkarten. Sie können mich natürlich auch gerne noch ansprechen. Und ich schicke schon mal in den Raum, dass wir als Kommission in diesem Jahr auch eine große Kampagne geplant haben, die ab September ausgespielt wird, wo wir speziell Menschen mit Behinderungen ansprechen wollen, und wo wir, Ihrer Institution, dem Bereich, wo Sie arbeiten, dem Bereich, wo Sie tätig sind, gerne Materialien zuschicken – Poster zum Beispiel zum Aufhängen –, und wir würden uns sehr über Ihre Mithilfe freuen. Wir hoffen, der Vortrag hat Ihnen gefallen. Mehr Informationen finden Sie unter sightcity.net/F032008. Vielen Dank und bis zur nächsten SightCity. ────────────────────────────────────────── Mehr Informationen: https://sightcity.net/F032008 Bei eigener Betroffenheit: Hilfetelefon Sexueller Missbrauch, bundesweit, kostenfrei, anonym: 0800 22 55 530, auch online über schreib-ollie.de.