Visuelle cerebrale Wahrnehmungsstörungen (CVI) - augenärztlich und orthoptisch abklären Vortragstyp: Forumsbeitrag Referentinnen: Dr. med. Bettina von Livonius, Daniela Osterholt Datum: 28.05.2026 Vortrags-ID: F032009 Link: sightcity.net/F032009 **Moderation:** Herzlich willkommen zum Mitschnitt des Forums vom 28.05.2026: „Visuelle cerebrale Wahrnehmungsstörungen (CVI) - augenärztlich und orthoptisch abklären". Referentinnen: Dr. med. Bettina von Livonius und Daniela Osterholt. Viel Spaß mit dem Vortrag. ── Grundlagen: elementare Sehfunktionen ── **Dr. med. Bettina von Livonius:** Hallo, ja, einen wunderschönen Mittag, guten Nachmittag. Bisschen unbekannt bei Augenärzten – ich würde sagen, das ist sehr unbekannt, dieses Thema, bei Augenärzten. Ich selber bin durch Zufälle nur dazu gekommen, weil ich die Leitlinie mitschreiben durfte. Und wir versuchen jetzt tatsächlich in München an der Uniklinik eine CVI-Ambulanz – das ist nicht ganz richtig, weil wir das einfach eingegliedert in unsere Sehbehindertenambulanz anbieten wollen: Diagnostik. Zu mir selber: Ich bin seit 25 Jahren Ärztin an der LMU-Augenklinik in München, leite seit 17 Jahren die Sehbehindertenambulanz und hab so n paar Steckenpferde nebenher wie die, den Sehbehindertensport, und eben jetzt auch das CVI dazu bekommen. Finde es ein ganz spannendes Thema und versuche das n bisschen mehr in die Augenärzteschaft hinein zu bekommen. Für mich ist es jetzt schwierig, in 12 Minuten Ihnen einen augenärztlichen Überblick über CVI zu bekommen. Also bitte erwarten Sie nicht, dass es vollumfänglich ist. Und ich weiß, dass hier alte Hasen dabei sind sowie welche, die CVI noch gar nicht so richtig gehört haben. Also bitte, bitte: Ich versuche es für alle verständlich oder auch bereichernd zu machen. Einmal: Jede Wahrnehmungsleistung besteht aus elementaren Sehfunktionen und aus komplexen Sehfunktionen. Das muss man einfach einmal wissen. Und ja, denn wir als Augenärzte kümmern uns eigentlich nur – in Anführungsstrichen – um die elementaren Sehfunktion. Das, was überall geprüft wird, ist die Sehschärfe für die Ferne; wenn Sie Glück haben, prüft auch noch jemand die Sehschärfe für die Nähe. Aber was gehört zum Sehen noch dazu? Es ist einmal die Naheinstellung, das heißt die Brechkrafterhöhung der Augenlinse für das Sehen in der Nähe, muss funktionieren, damit ich überhaupt in der Nähe lesen kann. Es gehört noch n Gesichtsfeld dazu – das wiederum kennen die Augenärzte ganz gut –, also das ermöglicht das Entdecken und Lokalisieren von Reizen. Wir brauchen ein Kontrastsehen, das heißt das Sehen und Unterscheidung von Helligkeitsdifferenzen. N Farbensehen wäre sehr schön. Die visuelle Adaptation ist sehr wichtig, das heißt Einstellung auf verschiedene Umgebungshelligkeiten. Ein beidäugiges Sehen, Positions- und Entfernungswahrnehmung, die Stereopsis. Wir brauchen die Okulomotorik, das heißt die Augenbewegung in alle Blickrichtungen und ne stabile Fixation. Und ein Bewegungssehen, das heißt das Erkennen von Bewegungen aufgrund retinaler Bildverschiebung und Reaktionen auf bewegte Objekte mit Folgebewegung und Sakkaden. Und erst wenn Sie das alles haben, dann können Sie normal – in Anführungsstrichen – sehen, weil die komplexen Sehfunktionen ausgeklammert. Aber das muss alles funktionieren. Und jetzt müssen Sie mal schauen, was wird beim Augenarzt geprüft: der Fernvisus und manchmal das Gesichtsfeld bei bestimmten Fragestellungen. Und deswegen bin ich so froh, dass ich auch Sie, Frau Osterholt, dabei hab als Orthoptistin, die nämlich viele von den anderen Funktionen auch prüfen und quasi uns da viel Informationen geben. Und in eine Ambulanz, wo ne Orthoptistin dabei ist, oder ne Sehschule, wird natürlich sehr viel mehr geprüft als nur beim Augenarzt. ── Komplexe Sehfunktionen im Überblick ── So, jetzt haben wir die elementaren Sehfunktion, die sollten natürlich alle funktionieren. Aber wir haben noch komplexe Sehfunktion, und das hier sind jetzt 2 Folien, die ich mit Ihnen durchgehe. Das ist einmal die visuelle Aufmerksamkeit, die Exploration, die Suche, das heißt Fähigkeiten, einen einzelnen Reiz unter Störreizen herauszufiltern. Ne Formerkennung: die Fähigkeit, eine Form auch bei veränderten Faktoren als gleiche Form wiederzuerkennen, das ist die Formkonstanz. Tennisball ist genauso ein Ball wie ein Fußball. Erkennen abstrakter Figuren – wenn man sich das mal überlegt, wie komplex das ist, dass wir einfach gelernt haben, was Buchstaben sind, was Zahlen sind, worum wir uns ja überhaupt gar keine Gedanken mehr machen, aber dass man das überhaupt erfassen kann und auch die Worte als Ganzes erfassen kann, wobei das ja nur abstrakte Buchstaben eigentlich sind. Die Objekterkennung, dass ich etwas als die Wasserflasche erkenne, und auch die Objektkonstanz, das ist, dass ich, auch wenn die Wasserflasche weg wäre und Sie sie nicht sehen würden, immer noch weiß, wie eine Wasserflasche aussieht. Gesichter- und Mimikerkennung ist extrem wichtig in unserer sozialen Umwelt. Ich bin ja froh, dass ich ein Publikum vor mir sitzen hab und so die Reaktionen sehen kann: Ist da Aufmerksamkeit, oder sind alle schon weggedriftet? Sind Fragen gezeichnet in den Gesichtern? Also alles, was man mit Online-Vorträgen ja nicht mehr hat, ja, weil einem das Gegenüber fehlt. Also das muss ich erkennen und muss ich auch deuten können. Ja, und dann das visuelle Gedächtnis, das is n Kurzzeit- und ein Arbeitsgedächtnis, was ich haben können muss. Und dann brauch ich aber auch noch eine visuell räumlich perzeptive Wahrnehmung – tolles Wort –, also is einfach, dass man Distanzen oder Positionen wahrnehmen kann. Und eine visuell räumlich konstruktive Wahrnehmung, das brauch ich, um einfach aus Bauklötzen, aus Legobausteinen oder auch dann komplexer was zu konstruieren. Die visuell räumlich topografische Wahrnehmung, das sind neue Wege einprägen. CVI – ich sag Ihnen nur, die alten Hasen: ein Kind, dass es den zum 100. Mal nicht den Schulweg findet, obwohl der doch so einfach ist. Das sind Wege, die man sich einprägen muss. Wie so Grafomotorik, das ist die Auge-Hand-Koordination, die funktionieren muss. Und erst wenn Sie das alles – die elementaren Sehfunktionen in Ordnung sind und die komplexen Sehfunktionen –, dann sehen Sie ganz normal und haben keine Probleme. Ja, aber wie gesagt, getestet ist nur der Visus. ── Beispiel: Wie ein Kind sein Kuscheltier sucht ── Ich möchte Ihnen mal ein Beispiel für die Komplexität der visuellen Wahrnehmung zeigen. Was passiert denn, wenn ein Kind sein Lieblingskuscheltier verlegt hat und es suchen will? Ja, es muss zuerst mal wissen, wie es aussieht – wenn ich nicht weiß, wie was aussieht, kann ich's nicht finden, ja – und es muss es dann auch wiedererkennen, das ist das visuelle Gedächtnis. Da können Sie natürlich auch sagen, ne Objekterkennung, ne Objektkonstanz gehört auch dazu. Und es muss sich einen Überblick verschaffen können: die visuelle Wahrnehmung, die räumliche Aufmerksamkeit. Ich muss überhaupt wissen, wo kann ich jetzt was suchen, und ich muss es herausfiltern können aus vielen, vielen anderen Reizen. Und es wird danach, nach bestimmten optischen Reizen gehen, das ist die Objekterkennung und Ausschau halten. Und dann muss es natürlich auch ne Konzentration haben, um lang genug danach zu suchen und nicht abgelenkt zu werden, das ist die Daueraufmerksamkeit oder auch die Ausdauer genannt. Es darf sich auch nicht von anderen interessanten Spielsachen ablenken lassen, ist die Aufmerksamkeitskontrolle. Geht mir permanent so, wenn ich in meine E-Mails gehe und ich wollte was nachschauen und falle über 10.000 andere E-Mails, habe am Schluss vergessen, die erste E-Mail zu machen. Ja, also es geht auch in andere Lebensbereichen. Und dann sollte sich aber auch merken können, wo es bereits gesucht hat. Das wär ja blöd, ja, wenns noch mal alles durchsucht, wo es ja grad schon war. Also das visuelle Arbeitsgedächtnis muss funktionieren. Und hat dann das Kind sein Kuscheltier entdeckt und erkannt, dann ist es ein visuelles Wiedererkennen. Und es wird sich dann freuen, dass die Suche erfolgreich war, das heißt, ich hab die Emotion dabei. Das heißt, nächstes Mal, wenn ich was verlegt hab, suche ich es vielleicht wieder, weil ich dann Erfolgserlebnis hab. Wenn Sie Sachen 10.000 Mal nicht gefunden haben, dann suchen Sie auch nicht mehr danach, haben Sie keine Lust mehr. So, nur dazu, um mal zu zeigen, wie komplex Sehen an sich ist. ── Das Auge als Organ und die Sehbahn ── Jetzt wieder zurück zu uns Augenärzten. Es ist natürlich essenziell, dass Sie das ganze Auge als Organ untersuchen müssen, ja, und zwar das Auge von vorne bis – ja, von vorne, von der Hornhaut her. Also es muss ja schon mal die Lider offen sein, das gibt's ja auch andere Erkrankung, wo's Lid hängt. Die Hornhaut muss klar sein, ich muss ne klare Vorderkammer haben, die Pupille muss funktionieren, ich muss mir die Linse anschauen, ich muss mir den Glaskörperraum – der muss frei sein. Und dann hab ich hier hinten die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zapfen, die funktionieren muss, und den Sehnerv. Und das, was ich als Augenarzt sehe, ist tatsächlich alles bis hin zum Sehnervenkopf; den Sehnerv kann ich mir nicht anschauen. Und dann geht es von dem Sehnerv dann noch letztlich weiter ins Gehirn über die Sehstrahlung bis hier hinten zum Hinterkopf, und das Bild entsteht erst hier hinten. Und das muss alles frei sein und funktionieren. Das war die elementaren Sehfunktion, die das betrifft eigentlich. Dann gibt es aber noch die Weiterverarbeitung im Gehirn, und das sind wir dann hier hinten, haben wir gesagt, das ist das Sehzentrum. Und das müssen Sie jetzt gar nicht alles lernen, die ganzen Nummern, aber ich möchte Ihnen dieses Bild zeigen, das finde ich nämlich ganz schön. Es gibt diese Bahn, die heißt die Wo-Bahn, das ist die Repräsentation des visuellen Raums, wo etwas sich befindet. Und hier, ne, die Was-Bahn, das heißt die Formerkennung, die Farbenerkennung, die Erkennung von Objekten und Gesichtern. Und dann hab ich noch das Frontalhirn, das ist wirklich hier vorne hinter der Stirn, und das gibt den Befehl, worauf die Augen ihren Fokus legen sollen. Ja, also was ist ne visuelle Wahrnehmungsstörung? Das ist letztendlich eine Fehlfunktion in der Wahrnehmung und dann in dieser zentralen Verarbeitung und Speicherung visueller Informationen im Gehirn. Ja, es nützt Ihnen nichts, wenn alles von vorne bis zum Okziput funktioniert, wenn Sie dann nicht die Weiterverarbeitung haben. Sie müssen diese Wo- und die Was-Bahn muss funktionieren. Also in der Neurologie gibt's die Agnosie, das heißt, ich sehe etwas ganz klar und kann Ihnen nicht sagen, was das ist, weil die Weiterverarbeitung das nicht hergibt. ── CVI: Definitionen und Begleiterkrankungen ── Es gibt keine richtige Definition von CVI. Also andersrum: Es gibt verschiedene Gruppen, die das unterschiedlich definieren. Also wenn wir von CVI mal hören, dann kann das Cerebral Visual Impairment heißen oder cerebrale visuelle Informationsverarbeitungsstörung. Andere nennens cerebrale oder zentrale visuelle Wahrnehmungs- und/oder Verarbeitungsstörung, andere nennens cerebrale zentrale Sehstörung. Wir nennen es jetzt einfach mal CVI abgekürzt, und ich glaub, das sind wir jetzt hier auf einem Nenner. Schwierig für uns Augenärzte ist, dass eine visuelle Wahrnehmungsstörung nicht isoliert auftritt, sondern es kann zusammen auftreten mit okular bedingten Sehstörungen jeglicher Art. Da kann ich Ihnen jetzt die ganze Augenheilkunde runterpredigen, mach ich nich. Es gibt die Augenerkrankung, sowas wie ne Optikusatrophie. Es gibt Teilleistungsschwächen, die zusätzlich das auftreten können, wie Dyslexie, das heißt jemand kann nich richtig lesen, Dyskalkulie, er kann nich gescheit rechnen. Und es können komplexe neurologische Erkrankungen oder auch Verletzungen vorliegen, Hirntumore zum Beispiel. Es können Mehrfachbeeinträchtigungen vorliegen, es kann zusätzlich ne Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung vorliegen zusätzlich. Ja, nich jeder ADHS-ler hat ne CVI und nich jeder CVI-ler hat ne ADHS, ja, aber es kann zusätzlich da auftreten. Es können tiefgreifende Entwicklungsstörung vorliegen, zum Beispiel ne Autismus-Spektrum-Störung, Gendefekte oder Syndrome. Aber eine CVI kann auch völlig isoliert auftreten, auch bei sonst entwicklungsunauffälligen Kindern und Jugendlichen. Und CVI kann auch bei Erwachsenen vorkommen. So, und das macht so extrem schwierig, weil Sie als Augenarzt ja vor dem gesamten Symptomenkomplex sitzen. ── Anamnese, MRT und interdisziplinäre Zusammenarbeit ── Was ist jetzt, wenn Sie den Verdacht auf die Beeinträchtigung der visuellen Wahrnehmung haben? Da müssen Sie eine ausführliche orthoptische und ophthalmologische Untersuchung zur Diagnostik struktureller und funktioneller Störung der Augen durchführen – ganz, ganz eminent wichtig. Und die meisten CVI-ler bekomme ich durch die Anamnese raus. Das ist einmal die ganz profane Augenarztanamnese: Bekannte Augenerkrankung werden abgefragt, wie war das vor, während und nach der Geburt, waren da Risikofaktoren, war da Probleme aufgetreten, angeborene und erworbene Hirnschädigung. Und dann geht's in die Details mehr so rein: Wie ist denn die Entwicklung, gibt's Auffälligkeiten im Alltag, Kindergarten, Schule, wie ist die Orientierung, wie ist das Spielverhalten, wie ist's Verhalten bei Tag und in der Dämmerung, Vergleich Gehör und Sehen? Viele CVI-ler erzählen, dass sie extrem gut im auditiven Lernen sind und Begreifen sind, auch dass Kinder extrem lange noch Sachen oder immer wieder in Mund nehmen, das heißt dieses Tasten, was man auch von Babyzeiten noch kennt. Wie ist es, persönliche Interessen und Schwächen? Da könnt ich Ihnen jetzt n paar Folien mit expliziten Fragen, die wir stellen in der Anamnese, aufführen – dazu hab ich jetzt nicht die Zeit. Das sind diese Fragen zu den komplexen Sehfunktionen, die ich hier nur noch einmal kurz wiederhole. Dann müssen bei der, über die elementaren Sehfunktion natürlich überprüft, diagnostiziert und wenn möglich therapiert werden, und auf die gehe ich gar nicht näher ein, weil das bringt die Frau Osterholt gleich dazu. Was wir zusätzlich als Augenärzte machen: Wir untersuchen den vorderen und hinteren Augenabschnitt. Und ich habe Ihnen gesagt, wir kommen nur bis zum Sehnervenkopf, wenn wir die Pupille weittropfen und ins Auge reinschauen. Und übrigens: Weittropfen ist super für uns Augenärzte, und ich mag das nicht so gern, die Augenärzte, die eigentlich um dem Kind und den Eltern entgegenzukommen nich weittropfen. Das eine ist: Das Weittropfen ist sehr wichtig für die objektive Refraktion, da kommt die Frau Osterholt noch drauf. Und Sie müssen sich vorstellen, durch ne Pupille schaut man hindurch wie durch n Schlüsselloch: Sie sehen sehr viel vom Zimmer, aber Sie sehen nich alles. Und das heißt, ein Augenarzt zeigt keine Schwäche, wenn er die Pupillen weittropft, der ist bloß besonders gründlich, weil er dann nämlich bis in die Ecken von dem Zimmer auch reinkommt. Ja, und dann haben wir das Problem: die Untersuchung der Sehbahn – können wir hier nicht untersuchen. Und das sind dann die Fälle, wo wir eben auch sagen, wir wollen eine Bildgebung haben, ein MRT haben. Weil viele fragen: Ah, mein Kind ist doch sonst völlig gesund, warum wird jetzt n MRT gemacht? Weil wir natürlich ausschließen müssen, dass irgendeine Störung hier in der Sehbahn, die wir ja nicht sehen können – wir hören ja hier auf als Augenärzte mit unserem Augenspiegel –, nicht dass noch zusätzlich oder vielleicht auch dafür verantwortlich ein Tumor oder ne Veränderung im Gehirn ist. Deswegen ist n MRT für uns als Bildgebung und als Untersuchung der Sehbahn wichtig. So, und wenn jetzt das und eine CVI vorliegt, dann ist das mein erster Satz: ist wichtig, dass eine interdisziplinäre Arbeit stattfindet – hab ich nicht mehr überprüft, ja. Aber das ist das Wichtige: Die interdisziplinäre Arbeit muss dann stattfinden, wenn ich den Verdacht oder ne CVI vorliegt. Es sind die Zusammenarbeit zwischen Augenärzten, Orthoptisten – ich hab jetzt alles in der männlichen Form, ja, also es wird sonst zu mühsam, das vorzulesen, gilt natürlich genauso wie für Frauen wie für Männer –, Augenärzte, Orthoptisten, Pädiater, gegebenenfalls Neurologe gehört dazu, die Neuropsychologen, ganz, ganz wichtig, die Pädagogen, die Ergotherapeuten und die Selbsthilfegruppen und Vereine und die Eltern und Familien, die mit ins Boot geholt werden müssen, um dieses ganz komplexe Krankheitsbild zu erfassen. So, das ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die ich mir sehr, sehr wünsche, und ich versuche auf augenärztlicher Seite das Ganze n bisschen anzuschieben und übergebe jetzt aber an die Orthoptik. Vielen Dank, tschüss. **Moderation:** Danke, Bettina. Ich würd mal sagen, wir warten jetzt noch mal die Frau Osterholt ab, dass wir zu dem medizinischen erstmal noch mal, wenn dann Rückfragen sind, Rückfragen starten. Also machen so im Programm jetzt erstmal weiter. Danke. ── Orthoptische Untersuchungen in der Praxis ── **Daniela Osterholt:** Hallo. Hallo auch von mir. Mein Name ist Daniela Osterholt, ich bin Orthoptistin, arbeite an verschiedenen Augenarztpraxen in Aachen, arbeite für die Förderschule Sehen in Aachen und für die Förderschule Sehen in Düren. Ich erzähl jetzt etwas über die Untersuchungen, die in der Augenarztpraxis gemacht werden sollten. Aber auch das ist jetzt nicht an jeder Augenarztpraxis und auch nicht in jeder Sehschule unbedingt alles so vorhanden und wird auch nicht immer unbedingt alles so durchgeführt. Wie eben schon erwähnt wurde, ist das Wichtigste natürlich die Anamnese. Wichtig zu fragen: Welche Schwierigkeiten hat das Kind in Schule oder Kita, was fällt den Eltern auf, was fällt in der Schule den Lehrern auf, ob das Kind Erkrankungen hat, wie Schwangerschaft und Geburt verlaufen sind. Das ist auch nur so n kurzer Überblick, die Anamnese sollte immer ausführlich durchgeführt werden. Und wichtig ist, dass man bei den Kindern eine vernünftige Refraktionsbestimmung macht, also erstmal guckt, ob das Kind irgendwie eine Brille braucht. Das machen wir orientierend erstmal in Miosis, also bei enger Pupille. Zur genauen Bestimmung sollten aber immer die Pupillen weitgetropft werden, weil man sonst halt auch kleinere Fehlsichtigkeiten überhaupt gar nicht rausbekommt, weil die Kinder das gut wegakkommodieren können. Wichtig ist auch, wenn das Kind irgendwelche Beschwerden hat, in der Schule irgendwie nicht gut klarkommt, dass man auch schon kleinere Refraktionsfehler ausgleicht, die vielleicht altersentsprechend sind, aber dem Kind trotzdem schon helfen können, wenn man auch kleinere Weitsichtigkeiten zum Beispiel ausgleicht und das Kind einfach entspannter sehen kann. Dann wird vor allen Dingen das Binokularsehen geprüft. Die höchste Stufe des Binokularsehens kann man mit dem Lang-Test testen – der hier oben ist vielleicht bekannt, Lang-Test 1 und Lang-Test 2. Dann gibt's noch den Titmus-Test, da kann man auch Stereopsis testen, das ist dieser hier. Und der Bagolini-Test, wo man auch Fusion testen kann, also erstmal testen kann: Können beide Augen zusammen gucken, ohne dass man weiß, ob Stereopsis besteht. Dann wird in der Sehschule die Augenstellung überprüft. Man guckt also, ob das Kind irgendeinen Schielwinkel hat. Man kann dann das Kind mit einem Fixierlicht anleuchten und sehen, wie die Augenstellung ist anhand der Hornhautreflexbilder, und prüft dann mit dem Cover-Test, ob noch auch latente Schielwinkel da sind. Dann ganz wichtig natürlich die Visusprüfung. Die sollte immer mit optimaler Korrektur stattfinden, wird ja immer in der Ferne getestet, aber optimalerweise auch in der Nähe. Das ist wohl, also in Augenarztpraxen, wo Orthoptistinnen tätig sind, dann doch eher üblich, dass auch die Nähe geprüft wird. Es wird monokular und binokular geprüft, und es sollte immer der Einzelvisus und auch der Reihenvisus geprüft werden, also der Visus, die Sehzeichen enger zusammenstehen, wie man das halt auch beim Lesen braucht in der Schule, wie es halt bei Wörtern der Fall ist oder bei Zahlenreihen. Das Kontrastsehen sollte mitgeprüft werden, aber, geb ich zu, prüfe ich in der Praxis auch nicht, weil ich einfach den Test nicht habe in der Praxis. In den Schulen prüfe ich das, aber das ist in den Praxen halt nicht immer gegeben. Hier hab ich noch mal verschiedene Visustests gezeigt. Der Lea-Test wird bei den Kindern geprüft, die also noch nicht so die Zahlen lesen können, das ist dieser hier. Dann die E-Haken, der C-Test, das ist der mit den Landoltringen. Ja, Zahlen können geprüft werden. Es gibt immer noch Augenarztpraxen, die auch mit Kinderbildern prüfen. Das sollte aber eigentlich vermieden werden, weil das halt Bilder sind, die die meisten Kinder gar nicht kennen – also n Schlüssel, wie der da abgebildet ist, kennt kein Kind mehr. Das ist aber wichtig, dass halt die anderen Tests sind. Dann hier noch mal im Vergleich der Einzel- und der Reihenvisus. Das hier ist der Einzelvisus, auch wenn das Reihen sind, die da jetzt aufgemalt sind; da ist aber der Abstand der Zeichen viel größer als zum Beispiel bei diesem Test. Genauso ist das jeder Fall: Das ist der Einzelvisus, das ist der Reihenvisus. Und hier auch noch mal ein Beispiel für den Reihenvisus, weil da halt einfach die Zeichen viel dichter zusammenstehen als bei diesen Einzelvisustests. Dann sollte die Augenbeweglichkeit geprüft werden, die Motilität. Man zeigt dem Kind ein Fixierlicht oder ein Objekt und lässt das Kind dieses Objekt verfolgen und guckt halt, ob in allen Blickrichtungen die Motilität frei ist. Dann sollte geguckt werden, ob das Kind gut akkommodieren kann, also auch da wird wieder n kleines Objekt dem Kind gezeigt und dann halt nah vors Auge geführt, um zu gucken, wie lang das Kind das noch scharf sehen kann. Das ist auch wichtig, damit man weiß, ob das Kind überhaupt in der Lage ist, irgendwas in der Nähe lesen zu können oder scharf zu sehen. Wenn es die Augen erst gar nicht auf die Nähe einstellen kann, dann muss man ihm da irgendwie schon helfen. Dann sollte die Blickmotorik mitgeprüft werden, die Sakkaden, das sind schnelle Blicksprünge. Also man lässt das Kind von rechts nach links oder von oben nach unten auf verschiedene Objekte schauen und guckt, ob es die gut fixieren kann und auch immer den Blick dann trifft auf dieses Objekt. Und die Folgebewegungen sollten geprüft werden, da werden Objekte langsam horizontal und vertikal bewegt, und man kann dann sehen, ob das Kind es gut verfolgen kann. So, als nächstes das Farbsehen. Dann gibt's den Ishihara-Test, der sieht so aus, der hat dann solche Zahlen oder auch für die kleineren Kinder Schlangenlinien, die mit dem Finger verfolgt werden sollen. Das ist noch n Test, der in den meisten Augenarztpraxen, würd ich jetzt mal behaupten, vorhanden ist. Die anderen beiden Tests: Das ist der Farnsworth-Test, das ist dieser hier, den hab ich in den Augenarztpraxen auch nicht zur Verfügung, da hab ich auch nur den Ishihara-Test. Oder halt diese Farbtafeln, wo man erstmal testen kann: Kann das Kind überhaupt diese einzelnen Farben erkennen, oder wenn es das nicht benennen kann, ob es die richtig zuordnen kann? Hab ich aber auch in der Praxis nicht, diesen Test. Das Gesichtsfeld sollte überprüft werden. Da ist es oft so, dass es diese elektronischen Perimeter-Geräte gibt, also hier wie dieses hier zum Beispiel, das ist in den Praxen häufiger vorhanden. Dann gibt es noch Praxen, die auch das Goldmann-Perimeter haben, das ist das hier, da wird manuell geprüft. Der Vorteil ist, dass man dann auch die Geschwindigkeit dem Patienten anpassen kann, also wenn man merkt, irgendwie das Kind braucht mal ne Pause, kann man die Pause machen oder es halt auch noch drei-, viermal wiederholen. Das ist bei den elektronischen, den Perimetern etwas schwieriger. Da gibt's noch den Nefftrichter, das ist dieser hier, den kenn ich aber auch nur aus den Schulen, an denen ich tätig bin. In der Praxis hab ich den auch nich, und ist auch bei so nem kleinen Kind eher nicht durchführbar, also da müssen die Kinder schon älter sein, um das zu können. ── Vergrößerungsbedarf, Wahrnehmungstests und Anlaufstellen ── Und dann sollte man optimalerweise noch den Vergrößerungsbedarf bestimmen, aber deshalb steht's auch in Klammern: Das is etwas, was ich in der Augenarztpraxis noch nie gemacht habe, was ich an den Schulen mache. Aber man hat auch da in der Praxis einfach keine Zeit für – also ich hab 5 Minuten pro Patient in der Praxis, und dann fällt da schon ganz, ganz viel weg, was man irgendwie so testen kann. Deshalb ist das eher etwas, was ich dann in den Schulen teste. Man hat halt dann Zahlen und Texte in verschiedenen Größen und kann halt dann gucken: Was kann das Kind noch flüssig lesen, wo nähert es besonders an oder wo hat es größere Schwierigkeiten? Dann kann man dann halt den Vergrößerungsbedarf ablesen. Und die Lesegeschwindigkeit kann noch getestet werden, aber das ist auch was, was in einer Augenarztpraxis nicht geht und eher nur an den Schulen gemacht wird. Dann gibt's noch verschiedene Tests zur visuellen Wahrnehmung. Ich hab jetzt hier nur mal so vereinzelte aufgezählt. Das ist einmal der Insight, den haben wir in Aachen in der Schule. Der wird leider – den kann man nicht mehr beziehen, das ist das Problem. Aber der ist super, um da n Überblick zu bekommen. **Frage aus dem Publikum:** Bekommt man noch. **Daniela Osterholt:** Sehr gut. Und wo bekommt man den? **Frage aus dem Publikum:** [Zuruf aus dem Publikum nicht verständlich] **Daniela Osterholt:** Ah, okay, das ist ja gut zu wissen. Gut, dann ignorieren Sie das, was dahintersteht, he, das ist perfekt. Der ist nämlich super, dieser Test. Dann gibt's noch den FEW, den vielleicht einige kennen. Es gibt auch noch viele andere Tests, aber das ist auch was, was wir jetzt in der Augenarztpraxis nicht durchführen. Das kann man als IGeL-Leistung anbieten, wird bei uns in den Praxen, in denen ich tätig bin, nicht gemacht. Aber das ist auch nichts, was die Krankenkasse übernimmt oder was man in ner 5-Minuten-Untersuchung irgendwie mal eben so nebenbei machen könnte. Ja, jetzt komm ich auch schon zum Ende. Ich hab jetzt noch mal eine Folie hier, wo man Augenarztpraxen finden kann, die sich vielleicht schon mal so n bisschen mit CVI auskennen beziehungsweise die erstmal eine Orthoptistin haben. Das kann man googeln unter www.orthoptik.de, kann man das eingeben und gehen auf Praxensuche. Dann kann man den Wohnort oder die Postleitzahl eingeben und kann dann sich Praxen anzeigen lassen, die eine Orthoptistin haben beziehungsweise auch eine Orthoptistin, die sich halt mit diesen Lern- und Entwicklungsstörungen auskennt. Die sind dann halt noch mal sortiert, und das könnte man den Eltern an die Hand geben, wenn sie da nen Augenarzt suchen, der vielleicht dann schon irgendwie mal was davon gehört haben könnte. Ja, okay, vielen Dank. **Moderation:** Hallo, wir hoffen, der Vortrag hat Ihnen gefallen. Mehr Informationen finden Sie unter sightcity.net/F032009. Vielen Dank und bis zur nächsten SightCity. Tschüss. Link: sightcity.net/F032009