Warum schlafen blinde Menschen anders? Forumsbeitrag | SightCity 2026 Referent: Dipl.-Psych. Werner Cassel, Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie, Schlafmedizinisches Zentrum, Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, Standort Marburg Datum: 28. Mai 2026 Vortrag-ID: F032011 Weitere Informationen: https://sightcity.net/F032011 ────────────────────────────────────────── ── Begrüßung: Marburg und das Schlaflabor ── Werner Cassel: Hallo, mein Name ist Werner Cassel, ich komme aus Marburg. Dort haben wir ein großes Schlaflabor. Erst noch eine Pflichtfolie: Für diesen Vortrag bekomme ich ein Honorar und Reisekosten von der Firma Vanda Pharmaceuticals Germany GmbH. Das wird gleich auch noch deutlich, denn die Firma stellt ein Medikament her, mit dem wir schlecht schlafenden blinden Menschen oft sehr gut helfen können. Warum ist hier ein Referent aus Marburg? Marburg wurde teilweise die Blindenhauptstadt Deutschlands genannt, weil nach dem Ersten Weltkrieg dort die Blindenstudienanstalt gegründet worden ist. Marburg hat in Bezug auf die Bevölkerung den größten Anteil von blinden Schülern und Studenten, aber auch in der gesamten Restbevölkerung. Und wir im Marburger Schlaflabor sind von daher schon immer auch mit den Schlafproblemen von blinden Patienten konfrontiert worden. Die können Atemstillstände haben, die können alle schlafmedizinischen Erkrankungen haben – aber sie haben häufig eine besondere schlafmedizinische Erkrankung, und um die wird es heute gehen. ── Warum Schlaf so wichtig ist ── Ich möchte Ihnen erst mal einen kleinen Denkanstoß geben. Man könnte sich ja mal fragen, warum man überhaupt das Schlafen eingeführt hat. Wenn wir den 60. Geburtstag feiern, dann haben wir 20 Jahre unseres Lebens komplett verschlafen. 20-mal Geburtstag, 20-mal Weihnachten, 20 ganze Jahre, die wir nicht erlebt haben. Und wenn wir jetzt unseren Kanzler fragen würden, dann würde der wahrscheinlich aktuell sagen: Da kann man doch einfach mal eine Stunde oder zwei weniger schlafen, dann können wir die Produktivität steigern. Wir glauben aber, dass die Produktivität dann fallen würde, denn Schlaf hat unheimlich viele Bedeutungen. Neben dem Trivialen, dass wir uns im Schlaf erholen, brauchen wir Schlaf zum Lernen und Behalten. Die Abspeicherung im Langzeitgedächtnis passiert nur im Schlaf. Wir brauchen Schlaf, um Wachstumshormon produzieren zu können. Das brauchen Kinder zum Wachsen, aber das brauchen wir auch zur Wundheilung und Zellreparatur. Konzentrationsfähigkeit, Stimmung – ganz wichtig. Ein erstes Symptom bei schlechtem Schlaf ist Gereiztheit. Schlaf finden wir also unheimlich wichtig, und wir arbeiten daran, dass sich diese Erkenntnis hoffentlich immer weiter durchsetzt. ── Prozess S und Prozess C: wie Schlaf reguliert wird ── Hier jetzt ein Diagramm, eine Grafik, wie Schlaf reguliert wird. Ich versuche es so zu erklären, dass es auch die verstehen können, die es nicht sehen. In der Schlafmedizin hat man sich früh Gedanken darüber gemacht: Warum sind die meisten Menschen eigentlich um 18 Uhr wacher als um 13 Uhr? Wenn wir um 6 Uhr aufstehen, dann sind wir um 18 Uhr zwölf Stunden wach, um 12 oder 13 Uhr erst sechs Stunden. Eigentlich müssten wir um 18 Uhr müder sein als um 13 Uhr. Das Gegenteil ist aber der Fall: Wir haben ein Mittagstief. Das heißt, Schlafen ist nicht einfach nur das Aufladen unserer Batterie. Ein Prozess, der eine Rolle spielt, ist der Prozess S. Der fördert Schlaf, und der wird umso stärker, je länger wir wach bleiben. Aber es gibt einen zweiten Prozess, den ich persönlich wesentlich spannender finde: den Prozess C. Kurz gesagt programmiert der uns tagsüber in Richtung Wachheit und nachts in Richtung Schlaf. Und dieses Programm läuft tatsächlich weitgehend durch, egal ob wir schlafen oder nicht. Dieses Modell wurde aufgestellt, als wir die Biologie dahinter noch gar nicht richtig kannten. Inzwischen kennen wir sie besser. Für uns ist heute wichtig, dass es in diesem zirkadianen Prozess einen Prozess gibt, der uns nachts schlafbereit macht. Der erzwingt keinen Schlaf, aber er erhöht unsere Bereitschaft zum Schlafen. Das ist der Prozess C: Er macht uns tagsüber wacher, wachbereiter, und nachts schlafbereiter. Mit diesen beiden Prozessen – je länger ich wach bin, desto müder werde ich; und nachts bin ich schlafbereit, tagsüber wachbereiter – kann man sehr viel vom Schlafen erklären. Wir wissen inzwischen, dass diese biologische Schlafbereitschaft weitgehend durch die Ausschüttung des Hormons Melatonin in der Nacht bestimmt wird. Ich habe hier eine Grafik, auf der man drei Kurven sieht, bei der gleichen Person gemessen. Man sieht, dass der Rhythmus bei dieser Person sehr, sehr stabil ist. Das Melatonin steigt immer ungefähr zur gleichen Uhrzeit an, so um 20, 21 Uhr, erreicht nachts um 2 oder 3 Uhr hohe Gipfel und fällt gegen Morgen wieder steil ab. So wünschen wir uns das. Zum Glück sieht das bei vielen Menschen so aus, aber nicht bei allen. Diese Ausschüttung von Melatonin steht in Beziehung zur Schlafbereitschaft in der Nacht. Es ist gut möglich, dass es da noch weitere Dinge gibt, die wir noch nicht erkannt haben, aber das Melatonin korrespondiert schon sehr gut mit dieser Schlafbereitschaft. ── Die innere Uhr: Bunkerversuch, Licht und Melatonin ── Jetzt kann man sich fragen, ob der Rhythmus eigentlich immer so stabil ist, wie ich das eben gezeigt habe. Lange bevor wir richtig etwas über Melatonin wussten, hat in den sechziger Jahren Professor Aschoff in München in einem ehemaligen Weltkriegsbunker ein Experiment gemacht. Er hat dort viele Menschen, hauptsächlich Studenten, wochen- bis monatelang ohne Kontakt nach außen leben lassen – ohne Uhr, ohne Radio, ohne Fernsehen, ohne jegliche Beziehung nach außen. Die hatten eine Küche, konnten sich etwas zu essen bestellen, Licht machen und lesen. Die meisten haben die Zeit zum Lernen genutzt. Ich habe noch zwei Personen kennengelernt, die dort als Probanden mitgemacht haben. Das Interesse war einfach: Was für einen Rhythmus leben die Menschen ohne externe Zeitgeber? Man hatte erwartet, dass sie einen 24-Stunden-Rhythmus leben. Das wurde mit vielen gemacht, und man hat festgestellt, dass sie im Durchschnitt keinen 24-Stunden-Rhythmus leben. In den verschiedenen Studien variierte das im Mittel zwischen 24,3 und 25 Stunden. Für einige, die zwei Monate drin waren, kam das Ende plötzlich viel zu schnell: Sie dachten, es wären noch keine 60 Tage rum, sondern erst 54. Für ihr Erleben waren die Tage länger, ohne dass sie es wussten. Deshalb hatten sie weniger Tage, und das hat einige beim Lernen in Schwierigkeiten gebracht. Also ist auch bei sehenden Menschen der Rhythmus gar nicht genau 24 Stunden, und wir wissen inzwischen, dass sich dann auch das Melatonin immer verschiebt. Warum ist das bei uns in der Regel nicht so? Das liegt daran, dass Licht ganz großen Einfluss auf unsere biologischen Prozesse hat. Licht ist der Hauptzeitgeber der zirkadianen Rhythmik – Licht steuert diesen Prozess C. Hier zeige ich ein Bild: Europa bei Nacht, und das ist nicht richtig dunkel. Das heißt, auch sehende Menschen haben zunehmend Schlafprobleme durch unseren, sagen wir mal, chronobiologisch sehr schlechten Umgang mit Licht. Aber erst noch einmal: Wie wirkt Licht auf die innere Uhr? Im Auge gibt es retinale Ganglienzellen, davon haben viele von Ihnen wahrscheinlich schon gehört. Das sind die letzten Umschaltstationen, von dort geht es in den Sehnerv. Bei diesen retinalen Ganglienzellen hat man ungefähr 1998 überraschenderweise festgestellt, dass einige von ihnen selbst lichtempfindlich sind. Das ist nur 1 Prozent aller retinalen Ganglienzellen, und das war regelrecht eine Sensation, weil man dachte, es gibt nur Stäbchen und Zapfen, die lichtempfindlich sind. Diese Zellen sprechen auf kaltes, blaugrünes Licht an, Wellenlänge 480 Nanometer. Und dann hat man gleich die nächste Besonderheit entdeckt: Von diesen retinalen Ganglienzellen geht die Information in den Sehnerv, und an der Kreuzung des Sehnervs zweigt sie gleich wieder ab. Sie geht nicht in den visuellen Kortex, wo Menschen, die nicht blind sind, die Bilder erleben, sondern in andere Gehirnstrukturen, vor allem in die suprachiasmatischen Kerne. Wir wissen inzwischen, dass dort quasi die Oberinstanz unserer inneren Uhr lokalisiert ist. Hier noch einmal als Schema: Vom Auge, von der Retina, kommt die Lichtinformation einmal zum Bereich für das Sehen, aber auch zur Steuerung der chronobiologischen Vorgänge in den suprachiasmatischen Kernen. Von dort wird die Zirbeldrüse angesteuert, und die schüttet Melatonin aus. Rechts sieht man einen relativ späten Melatoninanstieg, von 23 Uhr bis morgens um 10. Das muss ein Student sein, der eher spät ins Bett geht und spät aufsteht, sonst würde das nicht so aussehen. Diese Ausschüttung von Melatonin ist das beste Korrelat für die gesteigerte Schlafbereitschaft in der Nacht, das wir kennen. Hier ist auch schon gezeigt, dass die Melatoninausschüttung gestört werden kann, wenn ein sehender Mensch nachts helles Licht erlebt. Dann wird die Melatoninproduktion gestoppt. Dieses System zeichnet sich noch durch eine Besonderheit aus: Der Melatoninanstieg in der Nacht wird von der inneren Uhr, dem suprachiasmatischen Nukleus, angesteuert. Gleichzeitig gibt es in diesen Kernen Melatoninrezeptoren. Die checken sozusagen, wie viel Melatonin gerade im Blut und in der zerebralen Flüssigkeit ist, und sie messen auch, wie steil es ansteigt. Wenn es abends, meistens um 22, 23 Uhr, sehr steil ansteigt, dann schalten diese Rezeptoren in der inneren Uhr, die MT2-Rezeptoren, sozusagen unser Nachtprogramm ein. Das kennen Sie vielleicht von Kindern: Wenn wir den richtigen Moment verpassen, sie ins Bett zu bringen, dann wird es oft schwierig. Dann werden sie gefühlt immer wacher, je länger sie wach bleiben. Ein bisschen gilt das auch für uns Erwachsene, das werden Sie alle kennen. Wir haben oft einen optimalen Zeitpunkt, zu dem wir gut einschlafen, und wenn wir den versäumen, klappt es nicht mehr so gut. Das ist der Mechanismus, der über diesen Rezeptor in der inneren Uhr gesteuert wird. Daran hängen Neuronen, die tatsächlich in 24 Stunden nur einmal feuern und einfach sagen: „Okay, Brücke an alle, jetzt beginnt die Nacht.“ Dann verändern sich die Atmung, viele Kreislaufparameter und zum Beispiel auch die Verdauung. So funktioniert es bei sehenden Menschen. Und dieser Punkt, an dem das Melatonin steil ansteigt, ist ein Ankerpunkt, an dem der Rhythmus durch dieses Nachtsignal immer wieder vorgegeben wird. ── Non-24: Wenn blinden Menschen das Lichtsignal fehlt ── Wie ist das jetzt bei blinden und sehbehinderten Menschen? Das Schema, das ich hier zeige, sieht absolut gleich aus. Wir haben wieder den suprachiasmatischen Nukleus. Der steuert die Zirbeldrüse an, die Zirbeldrüse schüttet Melatonin aus, und der suprachiasmatische Nukleus misst das und bestimmt, wann die Nachtbedingung beginnt. Es gibt nur einen einzigen Unterschied: Das Licht, das über das Auge einfällt, kann die innere Uhr nicht nachregeln, weil bei vollblinden Menschen ohne Lichtwahrnehmung dieses Signal einfach fehlt. Der gesamte restliche Mechanismus ist aber vollständig intakt und funktioniert auch. Leider kann man im Prinzip sagen, dass es bei blinden Menschen im Durchschnitt etwa so ist wie bei den Studenten, die in dem Weltkriegsbunker eingesperrt waren. Denn bei blinden Menschen fehlt dieses sehr starke rhythmisierende Signal von Helligkeit und Dunkelheit. Eben kam die Frage, wie lange wir das schon wissen. Eigentlich ungefähr seit 1990, denn da konnte man Melatonin messen. Man hat gesehen: Bei gesunden Menschen steigt es zuverlässig zwischen 19 und 23 Uhr an, für sie beginnt die Nacht typischerweise in diesem Zeitfenster. Bei blinden Menschen mit Schlafproblemen ist dieser Moment, in dem das Melatonin steil ansteigt, völlig unsystematisch über den 24-Stunden-Tag verteilt. Was bei Sehenden immer zwischen 19 und 23 Uhr lag, war bei Blinden morgens um 4, nachmittags um 3, mal abends um 18, mal um 20 Uhr. So ganz unsystematisch ist es aber gar nicht, wenn man sich jeden Einzelnen anschaut. Hier sind verschiedene Messungen bei einzelnen Probanden aufgetragen. Je schräger die obere Linie steht, desto länger ist der biologische Tag. Wir sehen, dass es Menschen gibt, die einen festen Rhythmus haben, der aber zum Beispiel 25,08 Stunden lang ist. Wir wissen also genau: Morgen schütten sie das Melatonin ungefähr eine Stunde später aus als heute. So gibt es viele Varianten. Ganz selten gibt es auch eine Verkürzung unter den 24-Stunden-Tag, aber die meisten liegen in der Verlängerung. Das ist also nicht richtig chaotisch – nur insofern, als jeder individuell seinen eigenen Rhythmus hat, der ihm wahrscheinlich genetisch mitgegeben worden ist. Und das ist der Rhythmus, der durchkommt, wenn Helligkeit und Dunkelheit ihn nicht korrigieren können. Damit haben wir eigentlich schon die Non-24-Rhythmusstörung beschrieben. Hier noch einmal eine kleine Übersicht als Beispiel: Wenn jemand einen 25-Stunden-Rhythmus hat, was wir öfter sehen, dann kann es sein, dass er heute um 23 Uhr einen steilen Melatoninanstieg hat. Dann kann er heute Nacht gut schlafen. Zwölf Tage später hat er den gleichen Melatoninanstieg nicht mehr um 23 Uhr, sondern morgens um 11 – genau zwölf Stunden später. Dann hat er einen hohen Melatoninwert, wenn er eigentlich konzentriert arbeiten, studieren oder lernen möchte. Und wenn er nachts im Bett liegt, fehlt ihm die biologische Schlafbereitschaft, die normalerweise durch Melatonin vermittelt wird. Jetzt könnte man denken: Wenn die Lichtwahrnehmung nicht da ist, müssten das eigentlich alle blinden Menschen haben. Ganz so ist es zum Glück nicht. Bei blinden Menschen mit Restlichtwahrnehmung haben wir schon 30 Prozent mit einer gestörten Rhythmik, und 10 Prozent haben eine voll ausgebildete Non-24-Störung. Bei vollblinden Menschen ohne Lichtwahrnehmung haben über 50 Prozent die Non-24-Rhythmusstörung. Warum sind es nicht 100 Prozent? Ganz einfach, weil es Menschen gibt, deren genetisch bestimmte Rhythmuslänge ziemlich genau 24 Stunden beträgt. Ich habe auch solche Patienten, bei denen wir das gemessen haben. Wenn der biologisch vorgegebene Rhythmus 24 Stunden lang ist, dann hat man kein Problem mit dem sozialen und dem geologischen Tag von 24 Stunden. Wenn man aber einen Rhythmus von 24,5 Stunden hat, dann macht es große Probleme. Wenn der genetisch bestimmte Rhythmus also stark abweicht und keine Lichtwahrnehmung da ist, entsteht ein ganz hohes Risiko für die Erkrankung Non-24. Wenn wir genau einen 24-Stunden-Rhythmus haben, gibt es kein hohes Risiko für Non-24, auch wenn wir nur eine geringe Lichtwahrnehmung haben. So kann man theoretisch für jeden, dessen Faktoren man kennt, bestimmen, wie hoch das Risiko ist. ── Folgen für Gesundheit und Alltag ── Was sind jetzt die Folgen? Hier habe ich die Melatoninausschüttung einer blinden Patientin von uns gemessen, 48 Stunden hintereinander. Für diejenigen, die es nicht sehen, beschreibe ich es: Diese Patientin hatte nachts um 0 Uhr Melatoninwerte, die typisch für Tagesaktivität sind, nämlich ganz niedrige. Morgens zwischen 9 und 12 Uhr hatte sie dagegen Melatoninwerte, wie andere Menschen mit einem stabilen Rhythmus sie nachts um 2 oder 3 Uhr haben. Und hier, passend zu einem anderen Vortrag, ist ein Nahrungsmittel abgebildet: Currywurst mit Pommes. Wenn man in die Kantine geht, dann um 12 Uhr mit den Kollegen. Wenn diese junge Patientin von uns, die voll im Berufsleben steht, mittags mit ihren Kollegen in die Kantine geht, dann ist das so, als müssten die Kollegen nachts um halb 2 oder um 2 eine kräftige Mahlzeit zu sich nehmen. Denn alle unsere Rhythmen sind miteinander verbunden. Herz, Brust, Niere – alle Organe hängen an der Masterclock, der regulierenden Uhr im suprachiasmatischen Nukleus. Und sobald da etwas schiefgeht, kommen all diese Rhythmen durcheinander. Exemplarisch kann ich hier Daten zeigen – eigentlich ein etwas unappetitliches Thema. Wir haben 15 Patienten mit der Non-24-Störung über mehrere Wochen gefragt, wann sie ihr großes Geschäft erledigen, und dann geschaut, ob und was für einen Rhythmus sie haben. Das Gleiche haben wir mit 30 Kontrollpersonen gemacht, gleiches Alter, nur nicht blind und ohne Non-24. Die Kontrollpersonen lagen zu 50 Prozent in der Zeit zwischen 7:30 Uhr und kurz vor 9. Die meisten haben ihr großes Geschäft also morgens erledigt, und das ziemlich rhythmisch. Bei den blinden Patienten lag das Zeitfenster zwischen 9 Uhr morgens und 17 Uhr nachmittags – eine Riesenvariationsbreite. Wir haben viele blinde Patienten, die nachts aufstehen und auf die Toilette gehen müssen, weil diese Rhythmen komplett desynchronisiert sind. Aber es leidet nicht nur die Verdauung. Wenn Sie zu kurz schlafen, bekommen Sie leicht eine Erkältung. In einer Studie wurden Menschen, die nur unter fünf Stunden schlafen durften, mit einem Erkältungsvirus konfrontiert. Sie haben sich zu 45 Prozent angesteckt. Diejenigen, die mehr als sieben Stunden schlafen durften, haben sich zu unter 15 Prozent angesteckt. Schlaf ist also unheimlich wichtig. Hier ein paar Aussagen, die alle durch Studien gut abgesichert sind: Schlechter Schlaf erhöht das Herzinfarktrisiko, erhöht das Risiko für Demenz, fördert Depressionen, erhöht das Suizidrisiko vierfach, erhöht das Krebsrisiko und bewirkt unter allen Erkrankungen den größten Verlust an qualitätsadjustierten Lebensjahren – das ist ein Fachbegriff aus der Gesundheitsforschung. Wenn man richtig schlecht schläft, beeinflusst das Ihr Leben extrem. Deshalb können wir sagen: Non-24 führt zu erheblichen Gesundheitsrisiken und auch zu klaren psychosozialen Beeinträchtigungen. Denn wenn man etwas unternehmen will, wäre es gut, wenn es einem ungefähr so ginge wie den anderen. Wie können wir Non-24 erkennen? Phasen mit gutem Schlaf und guter Wachheit wechseln sich ab mit Phasen mit schlechtem Schlaf und eingeschränkter Wachheit. Gewünschte und erforderliche Schlafzeiten weichen deutlich voneinander ab. Ohne sozialen Druck verschieben sich die Schlafzeiten meist nach hinten. Und eine unregelmäßige Verdauung ist ein deutlicher Hinweis auf Non-24. ── Behandlung: Tasimelteon als „Dunkelheit in Tablettenform“ ── Jetzt kommen wir zu dem Punkt: Was können wir tun? Ich hatte Ihnen die Rückkopplungsschleife erklärt. – Wir haben sieben Minuten später angefangen, und ich habe noch eine Minute? Ich habe auf die Uhr geschaut. Ich kann nicht alles aufholen, was vorher versäumt worden ist. Man hat schon relativ früh versucht, dieses selbststabilisierende System – das Rhythmussignal, wann die Nacht beginnt, und den MT2-Rezeptor – zu stimulieren. Das haben wir in den neunziger Jahren auch schon mit Melatonin gemacht. Es hat in der Regel aber nicht ausreichend gut funktioniert. Wenn der steile Anstieg des Melatonins das Signal für den Beginn der Nacht ist, könnte man es ja mit Melatonin versuchen. Allerdings hat das mit Melatonin selbst nicht so gut geklappt. Aber es gibt ein, wie ich immer sage, Super-Melatonin: einen Melatonin-Agonisten namens Tasimelteon. Der spricht diesen Rezeptor viel, viel stärker an. Didaktisch leider etwas unschön ist hier die Zahl, die die Bindung angibt: Die Bindung ist umso stärker, je kleiner diese Zahl ist. Deshalb ist 0,07 viel besser als 0,38 bei normalem Melatonin. Wir haben also eine vielfach stärkere Stimulation dieses Rhythmussignals. Hier sind die Schlafzeiten aufgezeichnet, und Sie sehen, wie sie nach hinten wegdriften, wie ich es vorhin im Beispiel gezeigt habe. Ab hier wird dieses Präparat eingenommen, und Sie sehen plötzlich, dass die Schlafzeiten nicht mehr wegdriften. Auch der Melatoninanstieg und der tiefste Punkt der Körperkerntemperatur – das sind zwei Werte, die hier gemessen worden sind – bleiben stabil. Das heißt, man kann durch das Setzen dieses Signals den Rhythmus stabilisieren. Dieses Präparat, Hetlioz, stabilisiert die innere Uhr vielfach stärker als Melatonin selbst und ist das einzige zur Behandlung von Non-24 zugelassene Medikament. Melatonin selbst reicht meist nicht, um die innere Uhr auf 24 Stunden zu synchronisieren. Es gab auch eine Studie, in der man das versucht hat. Sie wurde abgebrochen, weil es zu selten funktioniert hat. Hier ein kleines Statement einer Patientin von uns, die mit dem Präparat angefangen hat. Sie sagt, sie schläft wieder wunderbar. Das Rote lese ich einmal vor: „Ich fühle mich wieder lebendig. Meine Kräfte und damit auch meine Freude an den kleinen Dingen kehren zurück. Nach und nach bin ich endlich wieder in der Lage, Aufgaben anzugehen, ja sogar neue Pläne zu schmieden. So etwas war für mich vor Kurzem noch undenkbar. Das waren Berge, über die ich nicht kam.“ Sie müssen sich klarmachen: Sie haben unheimlichen Einfluss auf die Lebensqualität, wenn Sie für besseren Schlaf sorgen. Deshalb: Non-24 ist eine Rhythmusstörung, die mehr als die Hälfte der vollblinden Menschen betrifft. Wir haben das Rhythmussignal der inneren Uhr inzwischen recht gut verstanden, auch wenn wir natürlich bei Weitem nicht alles wissen. Das eröffnet uns Möglichkeiten zur Behandlung dieser Erkrankung. Da wir bei vollblinden Menschen nicht direkt mit Licht als Medikament arbeiten können, wie wir es bei Sehenden können, ist die medikamentöse Beeinflussung der inneren Uhr der wichtigste Therapieansatz. Ich erkläre unseren Patienten immer: Sie nehmen kein Schlafmittel ein, sondern Dunkelheit in Tablettenform. Denn ihr Gehirn hat die Möglichkeit verloren, Dunkelheit zu erkennen, und wir geben dem Gehirn diese Möglichkeit zurück. Damit bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit. ── Fragen: Einnahme und Verordnung ── Moderation: Danke, Herr Cassel, für den schönen Vortrag. Gibt es Fragen dazu? Ich denke, eine Frage, weil das nicht im Vortrag kam: Muss man das Medikament zu einer bestimmten Zeit nehmen? Wann gibt man das? Werner Cassel: Das gibt man kurz vor Schlafbeginn, ein bis zwei Stunden vorher. Da findet jeder Patient üblicherweise seine bevorzugte Zeit. Wer weiß, dass er morgens um 6 Uhr aufstehen muss, um mit der Schule oder der Arbeit anzufangen, nimmt es oft zum Beispiel um 20:30 Uhr oder 21 Uhr. Wer morgens erst um 8 Uhr richtig aktiv sein muss – wir haben zum Beispiel Patienten, die Funker als Hobby sind; das kann man als blinder Mensch sehr gut machen und mit der ganzen Welt kommunizieren. Viele sagen: „Ich rede gern mit meinen Kollegen in den USA, deswegen gehe ich eigentlich immer erst um 2 Uhr ins Bett.“ Die nehmen es dann um 23 Uhr, 23:30 Uhr oder um 0 Uhr. Man kann über den Einnahmezeitpunkt dieses Medikaments den Rhythmus der eigenen inneren Uhr regelrecht willentlich steuern. Man sollte ihn aber nicht zu stark variieren. Wir hatten schon Patienten, die durch die Zeitumstellung im Frühjahr oder im Herbst wieder aus der Synchronisation herausgerutscht sind. Wenn man dann einfach zur gleichen Uhrzeit einnimmt, hat man es chronobiologisch um eine ganze Stunde verschoben, und das ist nicht so gut. Wir empfehlen dann immer, es zum Beispiel über sechs Tage hinweg jeden Tag um 10 Minuten vorher anzupassen, um mit dem anderen Rhythmus wieder richtig mitzukommen. Also: täglich nehmen. Wir wissen leider aus Studien: Wenn man es drei Tage weglässt, beginnt das System sofort am ersten Tag wieder wegzudriften. Es ist auf die dauerhafte Synchronisation angewiesen. Deswegen versuchen wir auch, keine Einnahmepausen entstehen zu lassen. Denn wenn sie auftreten, ist die Synchronisation erst einmal wieder weg, und man muss sich mühsam wieder dahin arbeiten. Anmerkung aus dem Publikum: Kurzer Hinweis aus der kassenärztlichen Perspektive: Das kann man verordnen, aber der Kassenarzt muss sich erklären. Das Mittel ist nicht billig, ich glaube irgendwas um 2.000, 3.000 Euro oder noch mehr. Als Kassenarzt muss ich das in meiner Akte begründen, falls ich eine Prüfung bekomme – dass ich weiß, was ich getan habe. Das ist entscheidend. Werner Cassel: Vielleicht eine kurze Ergänzung dazu: Wichtig ist, dass die erste Diagnostik möglichst von einem spezialisierten Zentrum gemacht worden ist. Als Kassenarzt sollten Sie das Ganze dokumentieren, aber ansonsten muss man keinerlei Probleme erwarten. Denn zum Glück ist dieses teure Medikament über die sogenannte Orphan-Drug-Regelung zugelassen und für alle Ärzte außerhalb des Arzneimittelbudgets. Die bekommen erst mal eine Schockstarre, wenn sie den hohen Preis hören, aber es liegt außerhalb des Arzneimittelbudgets. Wir machen das jetzt seit fast zehn Jahren über unsere Ambulanz. Wir werden genauso geprüft wie niedergelassene Ärzte, und wir haben, glaube ich, als Einzelinstitution die höchsten Verschreibungszahlen in ganz Deutschland. Wir haben in fast zehn Jahren eine einzige Anfrage bekommen – aber noch nie eine Anfrage, ob die Diagnose gerechtfertigt ist oder wie wir das begründen können. Wir kodieren die richtige Diagnose, und es hat noch nie … [Hinweis: Die Aufzeichnung endet an dieser Stelle.] ────────────────────────────────────────── Mehr Informationen: https://sightcity.net/F032011